Nach genau 3 Monaten Blogpause will ich die Geschehnisse der zurückliegenden Zeit ein wenig Revue passieren lassen. Seit vorgestern sind Cindy und ich wieder zurück auf Iparoma, um Andreas und Elvira für eine Weile zu unterstützen bzw. zu vertreten. Andreas' Mutter ist seit 6 Wochen zu Besuch und nun machen sie als Familie noch zum Abschluss einen gemeinsamen einwöchigen Ausflug nach Ostparaguay. Erstaunlich, dass die Dame in fortgeschrittenem Alter ohne Fremdsprachenkenntnisse diesen Schritt alleine gewagt hat.
Beginnen möchte ich mit dem aktuellsten Ereignis, der Fahrt mit Cindy auf der Ruta 12. Paraguay hat theoretisch zwölf Hauptverkehrsstraßen, die sogenannten Rutas.
![]() |
| Hauptstraßennetz von Paraguay |
Diese Straßen befinden sich in unterschiedlichem Ausbau- und Erhaltungszustand. Die Ruta 12 auf ihrer Gesamtlänge von 300 km entlang der argentinischen Grenze im äußersten Westen Paraguays ermangelt beidem. Gutem Ausbau- und akzeptablem Erhaltungszustand. Die ersten 20 km hinter Asunción waren dermaleinst dünn asphaltiert; nun gibt es nur noch in der Straßenmitte lose Überreste dieser früheren Teerdecke.
Die übrigen 280 km bis zum Straßenende, dem Militärstützpunkt "Fortin Rojas Silva", direkt an der argentinischen Grenze, sind als Feldweg ausgestaltet. Zuweilen besser, als Wege zwischen deutschen Bauernhöfen, oftmals deutlich schlechter. Teils überdimensionierte 8 Meter breit, dann hingegen so schmal, wie 2 Trampelpfade. Daher gilt die spärlich frequentierte Ruta 12 landesintern als das Stiefkind unter den Rutas (span.).
![]() |
| Der erste Tag auf der Ruta 12 |
Die ersten knapp hundert Kilometer ab Asunción oder genauer gesagt, ab dem Ort José Falcón, war kein Haus zu erblicken. Geschweige denn eine Tankstelle, ein Restaurant, ein Laden oder eine der sonst im Land weit verbreiteten und notwendigen "Gomerias", den billigen Instant-Reifenreparaturbetrieben.
Also war die erste Maßnahme, sich den Bauch nach einer Stunde Fahrt von Asunción aus, in José Falcón vollzuschlagen.
![]() |
| Das Angenehme an diesem paraguayischen Truckstop ist, dass das Moped ebenfalls am schattigen Esstisch Platz nehmen darf |
Das Bewusstsein, dass es, soweit das Auge reicht und die Füße tragen, nichts zu kaufen gibt, ist ja schon Abenteuer genug. Deshalb hatten wir uns durch Corned Beef, Brot, einen vollen Tank, Ersatzschlauch, Flickzeug und Minimal-Werkzeugausstattung vorbereitet. "Vorbereitet" ist natürlich relativ, denn bereits eine defekte Antriebskette wäre meinerseits unterwegs nicht instandsetzungsfähig gewesen. Außerdem ist die Kenton Dakar 150 mit nominell mickrigen 10 PS notorisch untermotorisiert - oder überladen, bzw. eine Kombination von beidem. 2 Personen, viel sinnloses Gepäck, wie etwa meine 8-fach müllsackverpackte Gitarre, Stickwaren und 2 Wochen zuvor erworbene Textilien für Cindys Handarbeitskunst wie auch generell Zeugs, das auf solch einer Tour definitiv keiner braucht, erhöhten das Gesamtgewicht unvorteilhaft. Außerdem handelt es sich bei dem Kernstück allen Transportes auf der gepäckträgerlosen Kenton, um meinen damals in Concepción mittels Schlauchschellen und Besenstilteilen angebrachten Bierkasten. Kein Setup, das verwöhnte Abenteurerherzen höher schlagen lässt. Vom lächerlich überhohen Schwerpunkt der Gesamtmasse ganz zu Schweigen.
Ob diese Fahrt schon mal in dieser Form versucht wurde, ist zweifelhaft. Dazu braucht es vielleicht die Unbekümmertheit eines Vollblutnarren.
Dass es, wie sich später herausstellte, auch Tage ohne Telefon- bzw. Internetverbindung werden sollten, hatte zusätzlich seinen eher ungewollten Reiz.
![]() |
| Vor Fahrtantritt mit Gitarre obenauf |
Nachdem es losging, sahen wir tagelang jedenfalls bestenfalls (sehr wenige) Lkw, 4x4 Pickups und zuweilen kleine Motorräder für den sehr nahen Nahverkehr. Aber keine normalen Pkw.
Das erste normale Auto gab es erst viel später, fast am Ende der Reise zu sehen.
![]() |
| Der erste und einzige Pkw am Ende der Reise. |
An verschiedenen Stellen fanden sich Hinweisschilder, sich über den Straßenzustand zu erkundigen bzw. unter Strafandrohung die Straße bei Regen nicht zu benutzen.
| Schild sahen wir beinahe am Ende der Reise abseits der Ruta 12 an der General Diaz Straße, einem 200 km langen Erdweg. |
Unsere Reise war ein echtes Abenteuer, das für Lkw-Fahrer, jedenfalls auf den breiteren Straßenabschnitten, Normalität ist. Dementsprechend gelassen reagieren selbige dann auch, wenn sie wieder mal einige Tage festhängen. 15 Tage reicht die Verpflegung für den Fahrer. Für eventuell transportierte Chaco-Kühe auf dem Truck sieht es anders aus. Die halten 1 Woche ohne Wasser aus. Danach müssten sie abgeladen und ggf. freigelassen werden.
| Unbeladener Kuh-Brummi steckt fest, ich konnte noch dran vorbeifahren. |
Wie gesagt, Gelassenheit ist Trumpf.
![]() |
| Hängt man fest, wird sich auch gerne ein Wildschwein geschossen, sagt Alonso. |
![]() |
| Und Flachbildschirm-TV in der Schlafkabine geschaut. |
![]() | |
| Hier ging es also für einige Lkw nicht weiter. Lagebesprechung mit Einladung zum Essen aus der Trucker-Bordküche. Es gab Tortilla. |
Die Straßenverhältnisse in diesem Landesteil sind definitiv krass. Ein besserer Superlativ fällt mir dafür nicht ein (Ich weiß, "krass" ist genau genommen gar kein Superlativ).
Um die Straßen zu bewältigen, sind 2 Sorten von Menschen qualifiziert. Zum einen die High-Tech ausgestatteten Vollprofis aus der Trial-Abteilung oder aber extrem gelassene Paraguayos mit vermeintlichem Schrottmoped und Kippe im Mund.
Um die Straßen zu bewältigen, sind 2 Sorten von Menschen qualifiziert. Zum einen die High-Tech ausgestatteten Vollprofis aus der Trial-Abteilung oder aber extrem gelassene Paraguayos mit vermeintlichem Schrottmoped und Kippe im Mund.
![]() |
| Ausweichen ist nicht möglich. |
![]() |
| Verschnaufpause. |
Umkehr ist keine echte Alternative. Mangels anderer Straßen würde das viele Stunden (Tage?) Mehraufwand bedeuten. Manchmal zweigt auf zig Kilometern keine Straße ab. Ausgenommen zu einer der riesigen Estancias.
Zu einer nicht näher spezifizieren dritten Gruppe von Fahrern gehört der Schreiber dieses Blogs. Mit einschlägigem Resultat:
![]() | |||||||||
| Gitarre abgeladen, um sie vor dem antizipierten Zerbruch bei Sturz zu bewahren. |
![]() |
| Tja, das war es dann erstmal. |
![]() |
| Black Hawk down! Gitarre gerettet. |
Dieser Matsch hat etwa die Konsistenz von verflüssigtem Schokoladeneis. Steine gibt es keine in dieser Region. Man kann kaum in diesem Schlamm stehen, er ist glatt wie Schmierseife. Das macht es nicht unbedingt leichter, ein schweres Gefährt im glitschigen Matsch mit glitschigen Fingern aufzurichten. Nicht umsonst ist Mud-Wrestling ein Spektakel.
Wer hier unterwegs ist, muss Prioritäten setzen. Akkurate Bügelfalten und Fleckfreiheit der Garderobe gehören ebensowenig zu diesen Prioritäten, wie makelloser Deo-Duft der Achselregion.
| Puh! |
![]() |
| Am Ende wurde dennoch auch dieses Teilstück mit vereinten Kräften bewältigt |
![]() |
| Und weiter geht's. |
Irgendwann, später, sahen wir dann eine gut zugängliche Estancia und dort durfte ich auf Nachfrage sogar einen Hochdruckreiniger benutzen.
![]() |
| Fast wieder bereit für die Zivilisation! |
Selbstverständlich gab es nicht nur Erschwernisse, sondern auch viele schöne Erlebnisse mit Menschen und einiges an unberührter Natur unter chemtrailfreiem Himmel.
![]() | |||
| Die Gauchos sind megacool hier und brauchen sich vor den nordamerikanischen Western-Cowboys nicht zu verstecken. Mit ihren lebendigen Rindern. |
![]() |
| Weniger lebendiges Rind auf der Straßenmitte Ruta 12. "Ja, warum räumt denn keiner das Tier da weg?" Gegenfrage: WER sollte es denn WIE entfernen? Und WARUM? |
![]() |
| Auch dieser Ameisenbär war bestimmt mal ein cooles Tier. Jetzt warten die allgegenwärtigen Aasfresser. |
![]() |
| Zum Größenvergleich: Vorderkrallen des Ameisenbärs mit meinen Fingern |
![]() |
| Apropos Größenvergleich. Das etwa ist die Größe der extrem spitzen und harten Dornen, wie sie für die Dornenkrone von Yeshua (Jesus) verwendet wurde. |
Zum Frühstück gab es meine 1 Woche alten Brötchen aus dem Supermarkt "Superseis" in Villarica. Ob nun die alten Weizenmehlprodukte oder ich "Sparbrötchen" zu nennen waren, weiß ich nicht, sie waren jedenfalls noch gut essbar. Butter vom gleichen Kaufort und -datum erwies sich gleichermaßen als noch genießbar und schon war mit der ergänzenden Darreichung von Martina López' billiger Marmelade und dünnem löslichen Milchkaffee ein ausreichend guter Start in den Tag garantiert. Der Kaffee wurde übrigens, wie auf dem Land üblich, auf einer Bodenkochstelle mit offenem Feuer zubereitet.
| Gästebereich López aus Palmstämmen und Wellblechdach mit Lehm verputzt zu 4 Euro pro Person und Bett. Plumpsklo-Nutzung und Regenwasser zum Waschen inbegriffen. |
Tags darauf, in "Fortin Teniente Martínez" an der Ruta 12, erneut der einzigen Ansiedlung weit und breit, gab es das obligatorische paraguayische Standard-Billigmenü zu essen. Paniertes Rinderschnitzel, hier "Milanesa" genannt, mit Brot. An eben dieser Stelle habe ich mich zum Narren gemacht, denn ich fragte nach einer Zitrone. Diese gibt es andernorts oft zum Kalbsschnitzel dazu. Nur war mir entgangen, dass wir 30 km vor Ende der Ruta 12 im infrastrukturellen Niemandsland angekommen waren. "Hahaha! Hier aber hier gibt es gar keine Zitronen, Señor!"
![]() |
| Das allgegenwärtige Milanesa zu 2,50 Euro heute mal ohne Zitrone. Mineralwasser gibt es übrigens auch nicht. Man trinkt Regenwasser (wir auch). |
Nach dem Milanesa haben wir wertvolle Stunden verplempert. In einem Dickicht von riesigen Estancias hatten wir uns verheddert. Zwar waren 8 Tiergatter im Laufe der 20 km zu öffnen ...
| Wer sieht den Trick? |
Aber am 9. war dann mangels Schlüssel endgültig Schluss! Alles wieder Retour. Grrr.
Später dann, am Ende der Ruta 12, in "Fortin Rojas Silva" angekommen, gab, es dann wieder keine Zitronen und auch überhaupt kein Milanesa. Ebensowenig wie Trinkwasser. Außer Regenwasser. Und wieder Sprit aus Plastik-Wasserflaschen vom Hinterhof zum Rekordpreis von 11.000 Guarani den Liter. Statt 5.500. Angebot und Nachfrage regeln bekanntlich den Preis, und an einem Ort, wo die nächste Tankstelle weiß der Kuckuck wo zu finden ist, weil sowieso keine Autos fahren, ist jeder Preis gerechtfertigt.
Nun gut, es gibt Schlimmeres - bei ca. 3 Litern Verbrauch pro 100 km.
An diesem langen Tag fand sich zunächst sehr lange keine Unterkunft. Also hieß es weiterfahren. Hier gibt es ohnehin nichts zu sehen. Nachts. Generell sind natürlich Nachtfahrten bei diesen Gegebenheiten in Südamerika ausgesprochen nicht empfehlenswert, das weiß jeder Depp, aber was will man machen. Wir waren auf der Flucht vor dem für Donnerstag Nachmittag angekündigten Regen. Der hätte das Aus für unsere Fahrt bedeutet. Und potenziell viel Frieren im Freien, hätten wir bis dahin keine Unterkunft. Zur nächsten asphaltierten Straße, der Ruta 9, bei Cesarea, waren es gegenwärtig unerreichbare 245 km. Wobei schon ein einziger Kilometer bei Regen unüberwindbar gewesen wäre. Siehe Bilder oben.
Praktisch war wenigstens, dass ich bei klarem Sternenimmel, ohne jeden Lichtsmog, die allgemeine Fahrtrichtung mit Hilfe des "Kreuz des Südens" im Auge behalten konnte.
Egal, alles Spielerei, könnte man zu recht sagen. Irgendwann musste ein Schlafplatz her. Nach endlos erscheinenden Stunden durch den dicht bewaldeten Grenz-Chaco zu Argentinien, war Cindy irgendwann höchst ermüdet.
![]() | |
| "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!" Hier sind wir laut meiner GPS-Bestimmung im Dunkeln rumgegurkt. |
Dann kam irgendwann die Aussicht auf eine kleine indigene Ansiedlung namens "Cacique Sapo" in 25 km Entfernung, oder übersetzt, etwa 1,5 Stunden Fahrzeit. Dort angekommen und nach erneut 4 Litern Sprit aus einem Plastikbehälter zum doppelten Tankstellen-Preis sowie 1 Liter Vollmilch aus dem Tetrapack, ebenfalls zum doppelten Preis, schlug die Unterkunftssuche zu später Abendstunde fehl. Doch halt! Die Nationalpolizei, mein Freund und Helfer, war auch zur Unzeit bereit, die Pforten der Gerechtigkeit weit zu öffnen. Der Unteroffizier Geraldo trat in Boxershorts, Adiletten und T-Shirt aus seinem Amtsgebäude heraus und gewährte nach mittelschweren Verhandlungen kostenneutralen Einlass. Eigentlich war sein Augenmerk darauf gerichtet, das Erstligaspiel der brasilianischen Teams von São Paulo gegen Rosario Central (Endergebnis 1:0) im TV zu verfolgen.
![]() |
| Gebäude der Nationalpolizei in Cacique Sapo am nächsten Morgen fotografiert. |
![]() |
| Wachraum mit allem, was das männliche Polizistenherz begehrt. Motorrad, TV, Computer, eingestaubte Reiseschreibmaschine und pflegeleichtes Sitzmöbel. |
![]() | ||
| Küche ohne Wasseranschluss. |
![]() | ||
| 2 betagte, deckenlose Matratzen wurden im Wachraum ausgelegt. Gleißendes Deckenlicht, lautstarke Deckenventilatoren und enthusiastischen Fußballreporter waren inklusive. |
Inklusive waren auch: riesige Kakerlaken in meinen Kopfhaaren und Riesenfrosch auf meinem Bauch zur Nachtzeit. Naja, Schlafen im Freien hätte uns mehr Viehzeug ausgesetzt.
![]() |
| Auch der Frosch, Größe 45 1/2 wollte nicht nur im Freien auf meinem Bauch schlafen und zog sich irgendwann in meinen Schuh zurück. Dort hinterließ er eine doch etwas unangenehme Feuchtspur. |
![]() |
| Eingangsbereich zur Polizeistation. Ohne Schloss, aber mit 2,5er Sicherheitsdraht |
Alles in allem, wenn das der Zustand der Gebäude der Ordnungshüter ist, möchte ich nicht die Gebäude der Ordnungsbehüteten kennen lernen. Ich mutmaße, ein Knastaufenthalt in Paraguay ist kein Zuckerschlecken. Nur die Türschlösser dürften nachhaltiger ausgestaltet sein.
Und am Ende kamen wir auch irgendwann auf Iparoma an... Geschafft!
Das nächste Abenteuer kommt bestimmt.
PS: Die schönen Fotos sind von Cindy, die Nullachtfuffzehn Bilder von mir.
Cindy: www.cyclingcindy.com









































Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen