Montag, 30. Dezember 2019

Regenwald (1), Peru

Die erste Nacht im Regenwald war für mich ein Segen. Freies Atmen, grün um mich herum und allerlei Gezwitscher, Gezirpe und Geheule. Sehr lebendige Natur.


Selbst den mächtigen, über 1100 km langen Huallaga-Fluss hatten wir in Hör- und Sichtweite. Schön.

Da konnten auch gleich 2 Missgeschicke meine gute Laune nicht verderben.

Das erste Missgeschick war, dass die KENTON durch meine eigene Ungeschicklichkeit bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz am Steilhang umgefallen war. Bauz!

Schaden: Kupplungshebel gebrochen.

Dank mitgebrachter 30 Cent Schlauchschelle ist der Kupplungshebel nun jedoch noch moderner, als er bereits war. Analog eines Magura-3-Finger-Fahrradbremshebels sehr elegant zu bedienen. Das Beste: die Konstruktion ist erstaunlich stabil und wackelt auch nach Tagen hoher Beanspruchung nicht!

Zweites Missgeschick war ein platter Hinterradreifen an gleicher Örtlichkeit, verursacht durch einen rostigen 60er Nagel. 

Alles nicht so schlimm. Wenigstens war es schön warm!

So warm, da fühlen sich selbst die superwinzigen Moskitos (kleiner als Fruchtfliegen) wohl, die für Ganzkörperbehandlungen selbst unter der Kleidung sorgen.


Die Region hinter der bis in die 1930er Jahre von außerhalb nicht erreichbare Stadt Tingo María, in der wir uns befinden, ist wunderschön und touristisch überhaupt nicht erschlossen. Weshalb letzteres so ist, entnehme ich teilweise Wikipedia, als ich mich über den Fluss informiere:

"... Das darauffolgende tiefer gelegene offene Tal wurde durch den hohen Anteil von Kokaplantagen bekannt und berüchtigt. Vereinzelte terroristische Aktivitäten von Splittergruppen des  Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) insbesondere im Zusammenhang mit lokalen Drogenkartellen und entsprechenden Aktivitäten, machen diese Region für den Tourismus ungeeignet, obschon die Landschaft auf der gesamten Länge des Flusslaufs Naturerlebnisse bieten könnte." 

Aha.


Wir waren auf dem Weg zu einem winzigen Dschungeldorf namens Chontayacu - obiges spiegelverkehrte Foto am Ortsschild des Sackgassendorfes im peruanischen Nirgendwo ist zeitlich vorgezogen. Mir bekannte Glaubensgeschwister (die Ehefrau meines Bekannten stammt ursprünglich aus diesem Dorf), wurden vor 2 Jahren von der Drogenmafia von dort vertrieben. Das Paar war gemeinnützig aktiv und dem Kartell ein Dorn im Auge. Später mehr vom Dorf...

Die zweite Nacht verbrachten wir erneut in sensationeller Natur. Allerdings ist fairerweise auch zu sagen, dass wer den Regenwald bereist, und zwar wie wir in der Regenzeit, dass jener mit etwas ganz bestimmt rechnen darf: Richtig. Mit Regen! Viel!


Die Fotos oben zeigen unseren Zeltplatz der zweiten Nacht. Mit Mangos und Ananas direkt vor der Zelttür.

Am folgenden Tag kam der nette Besitzer des Grundstücks, Victor mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen vorbei, um einige Arbeiten durchzuführen (wir dachten fälschlicherweise, es sei öffentlicher Grund). 

Victor lachte über unsere lächerlichen Zelte, die für den Regenwald völlig ungeeignet seien. Ist mir klar. Das ist unser Motorrad, unsere Winterkleidung, unsere Regenkleidung, Schuhe, Handschuhe, unsere Küche, Rucksäcke, Taschen, Werkzeuge usw. usw. ebenso. Dennoch sind wir nach tausenden Kilometern durch 5 Länder durch heiß und kalt, über Stock und Stein hier. Das macht irgendwie einen Teil des Reizes aus.

Nun gut, obwohl tags zuvor direkt im strömenden Regen, der ungefähr 15 Stunden andauerte, geduscht, sollten sie Kleider in einem in 30 Minuten Fahrzeit entfernt gelegenen kleinen Wasserfall gewaschen werden. 

Doch oh nein, schon wieder kein Durchkommen. Bäume waren umgestürzt und ein Lkw war beim Versuch, das Hindernis zu umfahren, in den Graben geglitten und so selbst zur Blockade geworden.


Die 5 oder 6 anwesenden Männer saßen bzw. standen tatenlos umher; also war Eigeninitiative gefragt und es kam wieder meine frisch geschärfte Machete zum Einsatz. Diesmal am teils groben Holz, bis der Weg wieder frei war.


Dann am erfrischenden Wasserfall angekommen.


Die Landschaft ist ziemlich unberührt und für mein Empfinden spektakulär.


Auf dem Weg in das besagte Dschungeldorf Chontayacu mit seinen paar Einwohnern mussten immer breitere, und/oder tiefere Wasserflächen und zweifelhafte Wege passiert werden.


Wegen der Gewichtsersparnis und dem besseren Fahrzeug-Handling watete Cindy üblicherweise durch die Passagen schwieriger Flüsse und überschwemmten Bereiche.


Auch die vorhandenen Brücken waren oft löchrig, schaukelig oder sonst schadhaft.


Viel später, als erwartet kamen wir daher im Dorf an, um Grüße meiner Bekannten auszurichten.


Uns wurden frische Kokosnüsse von Lesley und ihrer Mutter gepflückt. Die Kokosnüsse mit sehr viel Kokosmilch im Inneren konnte ich mit meiner Machete öffnen und dann verzehren. Schmackhaft.


Übernachten konnten wir mit den Zelten im Kirchengebäude unten. Das kam gelegen, denn in der Nacht regnete es erneut stark.


Am folgenden Morgen verabschiedeten wir uns freundlich und setzten unsere Fahrt über anderem durch weite Bananenplantagen fort.

Irgendwann setzten wir schließlich mit einer Fähre über den bereits erwähnten breiten Fluss Huallaga in Richtung Tocache über.

Auf dem Weg nach Tocache traf ich zum ersten Mal ein junges Dreizehen-Faultier. Noch dazu in freier Wildbahn. Im sprichwörtlichen Schneckentempo robbte der kleine Sid über den Asphalt. Autoverkehr gab es keinen.

In echter Zeitlupe bewegen sich diese Tiere. Kaum auszuhalten, diese Langsamkeit in unserer schnelllebigen Zeit.

Erst nach mehreren Minuten war der kleine Kerl auf der anderen Straßenseite angekommen und gönnte sich ein paar Blätter Grünzeug. Minutenlang schauten wir ihm dann ins Gesicht und er beobachtete uns. Wir hatten den Eindruck, er lächelt freundlich. Angst oder Aufregung zeigte er allemal nicht. Putzig.


In Tocache verbrachten wir zusammen mit den restlichen 25.000 Einwohnern einige Tage im Doppelzimmer-mit-Dusche-für-Neun-Euro Hostel Don Marino, auch um diese Blogeinträge zu schreiben (Nachfolgende Fotos).

Unsere Hauskatzen Negrito und Micky.


Impressionen aus Tacoche

Was im bolivianischen Tupiza und auch in vielen anderen Orten die Toritos sind, sind hier viele hunderte dieser Dreiräder auf Basis chinesischer Motorräder. Diese sind als Taxis unterwegs. Autos sieht man wenig.

Im Laden oben hatten wir Flickzeug gekauft.


Die Ware, die dieser Matratzenladen (Foto unten) anbietet, ist, wie sehr Vieles, was in Südamerika angeboten wird, von ausgesprochen schlechter Qualität. 
Trotzdem nett.

Selbstbedienung.


Eine Wäscherei hat unsere Kleidung absolut tipptopp gereinigt und sogar gebügelt!


In diesem Lokal waren wir öfters zu Gast. Nur hier gab es ein für europäische Verhältnisse "normales" Frühstück. Man isst hier sonst gerne am Morgen schon Fisch oder Fleisch mit Reis etc.

4 weiche Brötchen auf Sonderwunsch. Eines mit Avocado, eines mit Rührei, eines mit Käse und eines mit Margerine und Marmelade. Der Kaffee ist kalt und befindet sich im Fläschchen. Er wird traditionell je nach Geschmack dem warmen Wasser mit Milch später zugegeben. Der Kaffee stammt aus der kleinen 7 Hektar Plantage des Restaurantbesitzers, 2 Stunden außerhalb der Stadt. Dorthin hat er uns auch kostenlos eingeladen, um in seinem schönen Holzhaus zu verweilen. Wir lehnten dankend ab.


Sehr schnell hatte ich mich nämlich mit dem Besitzer des Restaurants angefreundet. Er heißt Lang mit Nachnamen und ich vermutete, er habe deutsche Vorfahren. Weit gefehlt. Chinesische! Sein Opa war vor der maoistischen Kulturrevolution von 1949 geflüchtet. 
Señor Lang, 55, hatte mir seine komplette Familiengeschichte erzählt, 5 Generationen Familienfotos gezeigt und mich zu allem Überfluss gar telefonisch mit seiner Schwester Nora, die als Ärztin in Los Angeles lebt verbunden. Nora hatte in Sibirien Medizin studiert und kannte wie ich, z.B. ihren Studienort Irkutsk am Baikalsee. Am Ende hieß es für alle до свидания! 

Auf Wiedersehen auch unserem kleinen Nachbarsbub mit englischer T-Shirt-Aufschrift: "Amsterdam, das Venedig des Nordens"

Das nächste Nahziel ist die Amazonasregion in Peru in etwa 650 km Entfernung. Dann weiter Richtung Ecuador und später Kolumbien. 


Cindy und ich wünschen einen gesegneten Start ins Jahr 2020!