Am gestrigen Freitag waren wir in Filadelfia. Das Monument auf dem Foto am Ortseingang, symbolisiert das Leben und Zusammenwachsen mit dem Kreuz in der Mitte.
Elli hat hier in der Stadt einmal in der Woche vormittags eine Stelle zum Staubwischen für zwei Stunden bei einer pensionierten Lehrerin. Man kann so reinlich sein, wie man möchte, doch man wird dem Wild-West-Staub in Filafelfia nicht Herr. Also hilft Elli der alten Dame und verdient ein kleines Zubrot für die Familie. Diesen Tag nutzen dann auch Andreas und Alan für Erledigungen und Einkäufe in der Stadt.
Beschriftung in diesem Supermarkt hauptsächlich in deutsch. Spanisch ist hier zweit- oder Drittsprache (nach Plautdietsch, Hochdeutsch und für die indigene Bevölkerung z.B. Guarani).
Die Mennonitenkolonie Fernheim im Chaco, deren Hauptort Filadelfia (zugleich die Hauptstadt des Bundeslandes Boqueron) ist, wurde 1930 bis 1932 von russlanddeutschen Mennoniten in beinahe menschenleerer Umgebung gegründet.
Eine Buchseite zeigt die aktuelle Demografie Paraguays. Demnach leben derzeit auf 60% der Landesfläche (Chaco) lediglich 3% der Gesamtbevölkerung:
In diesem Teil des Chaco, in dem ich mich befinde, gibt es immerhin noch nennenswerte Ansiedlungen und Infrastruktur. Je weiter man nach Norden Richtung Bolivien gelangt, in das reichhaltige Nichts, um so eindrücklicher wird das o.a. Bild über die Demografie und umso mehr versteht man, warum der Chaco-Krieg in Bolivien der "dumme Krieg" genannt wird. Der verlustreiche Kampf ums Nichts.
Jedenfalls, in Filafelfia mit seinen 17.000 Einwohnern, davon 3000 Mennoniten, gibt es Schulen, Krankenhaus, Seniorenheim, Friedhof, Supermärkte, Spezialgeschäfte, Tankstellen und was man sonst zum Leben braucht.
Auch ein Postamt ist vorhanden. Und weil hier alles so schön Deutsch ist, hatte ich kein Problem, mit einem Schirm durch den Regen dieses wenig aufregenden Städtchens zu schlendern.
Manch ein Farmer der Kolonie Fernheim hat weite Wege zu seinem Briefkasten in Filafelfia zurückzulegen. Kein Postauto fährt in die entlegenen Bereiche.
Ich habe unter anderem verschiedene Museen der Mennoniten besucht.
Im ersten Museum, dem Industriemuseum, traf ich auf Helmut Klassen. Er ist 64 Jahre alt und hat jahrzehntelang bis 2005 an einer Baumwollentkernungsmaschine als Maschinenführer gearbeitet (Bis zu diesem Moment wusste ich nicht einmal, dass Baumwolle überhaupt Kerne hat. Die Kerne wurden zu Viehfutter weiter verarbeitet).
Als die Baumwollproduktion unter 600t/Jahr zurück ging, wurden die Maschinen unrentabel und die Verarbeitung wurde 2005 eingestellt. Seit dem betreut Helmut das Technische Museum, das er wesentlich mit aufgebaut hat. Ich war lange Zeit der einzige Besucher und so bekam ich allen Enthusiasmus des Mannes zu spüren, der vom Aufbau der riesigen Baumwollentkernungsmaschine aus Dallas/Texas bis zu den durch ihn ausgestopften Tieren, wie dem Zugochsen, sein Leben und sein Herzblut in diese Sache investiert hat. Helmut lebt und liebt dieses Museum und ist ein Teil der Geschichten, die er weitergibt.
Dieser Dampfkessel aus deutscher Herstellung von 1925 wurde 1931 mit dem Schiff nach Paraguay gebracht und dann in den unbewohnten (abgesehen von wenigen indigenen Menschen) Chaco gekarrt. Welch Quälerei.
Ebenso auch andere Dampfkessel größerer Bauart, wie der auf dem Foto unten.
Es gab u.a. auch eine große Erdnusspressmaschine zur Ölgewinnung.
Nachstehend eine Rekonstruktion eines frühen Hauses im Chaco. Fensterglas gab es nicht, nur Holzstecken, um größere Tiere fernzuhalten. Viele aus der ersten Mennonitengeneration fielen den harschen Bedingungen im Chaco zum Opfer.
Der Vater von Helmut, ehemaliger Soldat der Roten Armee, kam nach Kriegsende über Deutschland 1947 nach Paraguay. Helmuts Mutter gelangte über die bekannte Chinaroute von Russland über China, Indien und Le Havre in Frankreich mit dem Schiff nach Paraguay. Ohne Google, Expedia oder Reisebüro. Ich staune. Die Familiengeschichten der Mennoniten sind oftmals atemberaubend spannend. In jeder Erzählung klingen hartes Leben, Durchhaltevermögen, Disziplin und ihr starker Gottesglaube durch, der sie durch Verfolgung und lebensfeindliche Umgebung getragen hat. Auch Helmut war heute zu Tränen gerührt, als er die Geschehnisse um ihn und seine Eltern weitergab.
Er war auch schon mal in Deutschland. Auf Familienbesuch für "Eins-Einhaleb Wochen".
Die Sprache der Mennoniten, wenn sie Hochdeutsch sprechen, unterscheidet sich deutlich vom Hochdeutschen in Deutschland. Wie auch bei anderen Sprechern, die außerhalb Deutschlands die deutsche Sprache pflegen, wie etwa die Siebenbürger Sachsen in Rumänien.
Abgesehen von der Aussprache, werden auch bekannte Worte oft anders verwendet. Wenn man Wände streicht, bezeichnet man das hier nicht als Streichen, Anlegen oder Weiße(l)n, sondern als "Färben". Der "Schmirgelapparat" bezeichnet, wie ich nach einigem Rätselraten herausfand, einen Winkelschleifer (in Südhessen "Flex" oder "Schleifhex'" genannt).
Das kann zu Missverständnissen führen und so bin ich bemüht, einfach und verständlich zu sprechen. Die Mennoniten hier sprechen untereinander vornehmlich Plautdietsch, was nicht mit Plattdeutsch zu verwechseln ist. Plautdietsch hat seinen Ursprung im heutigen Polen genommen und wenn man genau hinhört, kann man dennoch das eine oder andere verstehen. Aber es ist doch ein entfernter Dialekt.
Helmut ist 1953 in Paraguay geboren, er weiß um seine Wurzeln, aber er empfindet sich als 100% Paraguayer. Von Victor in Asunción weiß ich hingegen, dass die Mennoniten auch der zweiten und dritten Generation als "Deutsche" gesehen werden. Sie haben "blonde Haare, blaue Augen, eigene Bräuche, Geld und ihre eigene Religion". Die Religion ist eben protestantisches Christentum, das auf die biblische Glaubenstaufe und Pazifismus Wert legt. Daher wurden sie schon um 1520 zur Zeit Martin Luthers und mit dessen Unterstützung im Namen der Kirche verfolgt und durch die Reichsfürsten in Deutschland ohne Gerichtsprozess ersäuft oder verbrannt.
In einem anderen Museum, dem Heimatmuseum, erläutert Herr Boschmann die vielen Exponate.
Z.B. diese Fruchtpresse, die wie ein Fleischwolf aussieht. Die wurde aus dem Messing von Patronenhülsen gefertigt, die aus dem Chaco-Krieg 1932-1935 übrigblieben. Ein kleiner Vorgeschmack auf biblische Prophetie:
Jesaja 2:4: "Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen."
Der Chaco-Krieg zwischen Bolivien und Paraguay versetzte die pazifistischen Mennoniten, kaum waren sie aus Russland geflohen, im Chaco sofort in ein Dilemma. Die kämpften nicht selbst an der Waffe für Paraguay, sondern unterstützten die Truppen vor Ort, etwa durch Nahrungsmittel.
Es gibt eine große Nähe und Dankbarkeit zu Deutschland. Die Regierung unter Reichspräsident v. Hindenburg gewährte vielen Mennoniten Asyl bis zu ihrer Ausreise. Daher heißt die Hauptstraße in Filafelfia auch Hindenburg-Allee. Ich habe Herrn Boschmann wegen Nazitums gefragt. Unter den deutschstämmigen Mennoniten gab es durchaus auch Sympathisanten für Hitler. Einige hatten von einer Heimkehr nach Deutschland geträumt. Als dann die Verfolgung von Juden und anderer Minderheiten in Deutschland bekannt wurde, hätte es mehrheitlich eine Abkehr von der Ideologie des 3. Reichs gegeben.
Die "Ursachen für die Flucht" die oben auf dem Plakat geschrieben stehen, bewegen auch heutzutage den einen oder anderen zur Ausreise, der hat kein Mennonit in Deutschland ist.
Eine der vielen Gruppen, die vorübergehend in Deutschland aufgenommen wurden.
Mitgebrachte Bibeln
Soweit zu diesem Ausflug. Die Heimreise war von banger Ungewissheit begleitet, ob wir es nach dem Regen schaffen würden, auf der Staub/Schlamm/Lehm/Glitschpiste nach Hause zu kommen. In der Tat war es glatt. Andreas musste gutes fahrerisches Können aufbieten, um in Walter Röhrl Manier durch ständiges Gegenlenken den Van halbwegs in der Straßenmitte zu halten.
Das sieht unbedenklich aus, ist es aber nicht.
Nach Rückkehr zu Iparoma ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Elli backte Brot (hört über lautsprecherverstärkten YouTube Kanal den ehemaligen holländischen Kinderstar der 60er, Heintje. Mama, Heidschi Bumbeidschi und andere Evergreens erfüllen die Küche. Hier hat das einen gewissen Charme. Andreas sortiert derweil mit Engelsgeduld Weintrauben (bis es ihm mit der Musik dann doch etwas zu viel wird und er sich zu Wort meldet) ...
... und der Herr Dozent präsentiert sich derweil ausnahmsweise in seinem Universitäts-Outfit. Mit Bildungsbürger-Fliege und Emblem der Universität, die seinem Namen gewidmet ist.
APF Paraguay. (Alan, Professor für Farm-/Forstwesen)
So neigt sich wieder ein Tag dem Ende zu. Shabbat Shalom von Iparoma, Gran Chaco.















































