Heute bin ich in eines der beiden Zimmer des gebrauchten roten Häuschens eingezogen, das letzte Woche angeliefert wurde.
Jetzt heißt es naturnah wohnen, denn es gibt keine Fensterscheiben. Lediglich Fliegengitter und Klappläden. Alle Geräusche kommen 1:1 von außen an. Schön! (Meistens). Habe es mit dem Nötigsten eingerichtet, Kleiderhaken angebracht und nun bin ich der erste Bewohner dieses Kleinst-Anwesens auf der Farm.
Klimaanlage wurde bereits gestern von Elektromeister Kentscho installiert und somit mangelt es nicht an Komfort in der 3x3-Meter-Nut-und-Feder-Holz-Bude mit Energiesparlampen-Deckenlicht.
Da lässt es sich gut leben (mit Ohrenstöpseln wegen des Froschkonzertes - kaum hatte ich mich an die Hahnenschreie in Asunción gewöhnt).
Nicht mehr gut leben hingegen einige Schafe. Sie wurden jäh ihres irdischen Daseins beraubt und nun liegen sie fein säuberlich zu gewichtsgleichen Anteilen in Plastiktüten portioniert in der Kühltruhe (ähnlich tragisch, wie das Ende von Max und Moritz, finde ich). Gerade eben liefen sie doch noch weidegrasend umher!? Der Tod entpuppte sich einmal mehr als ganz, ganz finsterer und heimtückischer Geselle! Allemal aus Perspektive der freundlichen Wollspender.
Der Besitzer der Estancia, Gerhard Wohlgemuth, zeigt zweien seiner erwachsenen Söhne, Daniel und Nathanael die richtige Technik beim Zerlegen der Tiere.
Naturnähe auf dem Bauernhof heißt auch, Realitäten anzuerkennen. Etwa die, die Gerhard heute beim Mittagessen zum Besten gab. Er beschrieb die durch die Viehzüchter empfundene Überpopulation von Pumas. Deshalb würden sie auch abgeknipst, wo immer sie auftauchen. Ein Pumafell liegt bei Gerhard auch vorm Bett (und riecht bei feuchter Witterung), erzählte er.
Nicht jedem Fell ist es indes vergönnt, die Ausstiegsstelle eines Ehebettes zu zieren und damit den ehemaligen Fellträger, sozusagen posthum zu Ehren zu bringen. Manchmal geht es profaner, aber letztlich irgendwie nützlicher zu. So fungiert dieses Kuhfell beispielsweise als maßgeschneidertes Traktordach. Darauf muss man erst einmal kommen. Aller Ehren wert (der Kuh und dem Erfinder).
Nochmal zum Thema Kuh:
Eine schwarze Kuh war trächtig und die Kalbung seit Tagen überfällig. Das Muttertier lag heute früh mit geplatzter Fruchtblase auf der Weide. Das Gerücht ging um, dass das neugeborene Kalb von einem Puma gerissen wurde. Jedenfalls führte auch die mehrstündige Suche nach dem Neugeborenen auf der weitläufigen Weide zu keinen brauchbaren Erkenntnissen über den Verbleib des Kalbs.
Der Tierarzt aus Filadelfia wurde gerufen und erschien mit seiner Assistentin, einer Schülerin im Ferienjob.
Streng genommen erschien der Tierarzt Luis Miguel de la Vera (er promoviert in 3 Jahren), erstmal gar nicht, sondern steckte wegen des Regens und der daraus resultierenden Schmierseifenpiste fest. Ohne Allradantrieb kann man bei starken Regenfällen ruhig die Autoschlüssel verlieren. Man fährt sowieso nirgends hin. Im Falle des hilfswilligen Tierarztes musste nunmehr der Kuhfell-Traktor geholt werden, um das Fahrzeug wieder in Fahrbereitschaft zu versetzen. Der Tierarzt erzählte, dass auf den breiten Schmierseifenpisten die großen Viehtransporter aus Besorgnis, seitlich in den Graben zu rutschen, in der Straßenmitte stünden und warteten, bis die Straße wieder trocken ist. Das wäre der einzig sichere Platz. Passieren anderer Fahrzeuge sei dann nicht möglich. Man hängt als Straßennutzer dann demnach ebenfalls fest. Die Lkw-Fahrer rechnen immer mit diesen plötzlichen Starkregen und haben daher stets ausreichend Proviant und Wasser für mehrere Tage an Bord.
So regnete es heute. Was da vom Himmel kommt, hat sich den Namen "Regen" unbedingt verdient. Bin mit dem kleinen Farm-Professor barfuß in Regen unterwegs gewesen, um Trinkwasser zu holen. Man kann entweder bewusst schlittern, wie auf einer Eisbahn (oder sich die Knochen beim bloßen Gehen brechen. Nie mehr sage ich irgendetwas über die mangelhafte Gehwegsbeschaffung in Asunción!)
Dann, nach nachlassendem Regen, ging es an der Geburtshelfer-Front los. Mit Lasso durch den Vorarbeiter eingefangen und dann mit raffinierter Strick- und Knotentechnik um den Leib geschnürt, wurde die Mutterkuh sanft auf den Boden gebracht. Ich staune, wie man ein 600kg-Tier mir der richtigen Technik ohne Aufhebens auf die Seite legen kann. Wer sich das ausgedacht hat? Genial.
Ein beherzter Griff des Tierarztes mit Gummihandschuhen bis fast an dessen Ohren und es stand fest, dass sich das Kalb noch in Mutterleib befindet und es außerdem noch lebt. Einstimmiges Urteil an dieser Stelle: Freispruch für den Puma von allen Anklagepunkten!
Nun kam es zur Geburtshilfe.
Dem Noch-nicht-ganz-Neugeborenen wurden die Vorderläufe im Mutterschoß per Seilschlinge zusammengebunden und mit einer Ratschenkonstruktion das Kalb Stück für Stück an diesem Strick herausgezogen. Noch ein paar Aufbauspritzen sowie blutstillende- und Antibiotikainjektionen für das Muttertier und nach etwa 30 Minuten war das Spektakel zu Ende. Die Mutter leckte ihr Baby sauber, Zeichen, dass sie es angenommen hat. Kurz darauf sorgte sie noch dafür, dass sich umherstehende Menschen vom Kalb entfernen. Der Beschützerinstinkt der Mutter wurde aktiv. Kurz darauf stand das kleine, zarte, neue Leben bereits auf eigenen Beinen.
Bald wird es auch zur Herde gehören und sich ganz traditionell vom Gaucho mit schnalzender Peitsche treiben lassen.
Oder auch weniger traditionell mit dem Moped (Aufnahme von Bärbel).
Egal. Hauptsache, die Lebensjahre werden am Ende weder jäh durch Puma, Bettvorleger, Traktordach oder Kühltruhe begrenzt. Doch ich fürchte, das zu hoffen, ist realitätsfern.
Gleichauf mit dem Helden des Alltags, Busfahrer Alfredo aus Asunción, liegt nun ab heute der Tierarzt Luis Miguel de la Vera aus Filafelfia! Profi.

























Sehr Spannend, Dein Alltag.
AntwortenLöschenGewinnt eigentlich die Klimaanlage den Kampf ohne Glasscheiben oder stehen die Fensterläden auf gleicher Front mit ihr?