"Reisen bildet", sagt man, und das stimmt natürlich. Man lernt viel über fremde Menschen, Kulturen und Gebräuche. So erfährt man zum Beispiel auch, dass eine einfache Unterkunft in Paraguay "Hospedaje", in Bolivien jedoch "Alojamiento" heißt.
Man lernt aber in ebensolchen einfachen Unterkünften etwas über sich selbst. Davon später mehr.
Unendliche, windige Weiten des bolivianischen Altiplano. Ausgedehnteste Hochebene der Erde - abgesehen von Nepal im Himalaja.
Nach einigen Stunden Fahrzeit ab Tupiza erreichten wir als erste nennenswerte Ansiedlung das 10.000 Einwohner Städtchen Atocha.
Das Dorf in den Bergen auf 3650 Meter Höhe ist Anlaufpunkt für die Beschäftigten der 7 Minen, die sternförmig um die Ansiedlung gelegen sind. Dort werden Blei, Silber, Zink, Zinn, Kupfer und ein wenig Gold abgebaut.
Wild-West-Flair.
Es fährt kein Zug nach Nirgendwo. Zu unregelmäßigen Zeiten verkehrte manchmal auf einem Gleis ein kleiner Zug zwischen Tupiza, Atocha und Uyuni. Doch wegen der aktuellen politischen Lage fährt gar kein Zug, so verrät ein Aushang am kleinen Bahnhof. Ohnehin, die Gleise sind teilweise versandet - und jener Waggon im Foto entgleist.
Dennoch, ein vergleichsweise blühendes Zentrum der sehr kargen, staubigen Region mit Schule, Krankenstation, Gastronomie, Polizeistation und Unterkünften.
Cindy erkundete selbige Unterkünfte und kam nach kurzer Zeit mit der Rückmeldung, die perfekte Herberge gefunden zu haben. Nun denn, für 2,50 Euro pro Person und Nacht kann man wenig falsch machen, dachte ich und so bezogen wir das Zimmer in einem Alojamiento.
Als ich jedoch die ersten beiden Stunden wegen der unerträglich weichen Bettkonstruktion und der dünnen Matratze in Hängemattenposition im für mich 30cm zu kurzen Metallrahmen-Bett mit Mütze und Schlafsack in der Kühle lag, dachte ich darüber nach, wie sehr wir bzw. ich doch an den Luxus versklavt sind.
Der kleine Raum roch unangenehm, die Außentoilette war ebenfalls nicht einladend - und doch wohnen hier klaglos Leute, oftmals Angestellte und Arbeiter der in der Nähe gelegenen Minen.
Sicher ist diese Wohnsituation tendenziell besser als bei Bonanza oder noch zu Ur-Großeltern oder Großeltern-Zeiten und doch will es modernen Standards nicht so recht genügen. Warum ist das so, das wir uns so rasant zum Wohlfühl-Komfort hin entwickelt haben?
Das Gebäude, eigentlich ein Fall für die Bauaufsicht, würde in Westeuropa für jedwedes Betreten gesperrt. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass der marode Komplex erst in den 1970er Jahren erbaut wurde und damit 100 Jahre jünger ist, als vermutet.
Der Eigentümer der Unterkunft, Juan, 71. Ein nicht unsympatischer Mann, der es mag, die Umgebung mit lauter 80er-Jahre Musik von Kim Wilde, Diana Ross & Co. zu beschallen.
Essen konnten wir nebenan im gepflegten "El Minero", geführt vom netten und weltoffenen Eduardo Jiminez und seiner Gattin. Eduardo arbeitete 7 Jahre als Küchenhelfer in Spanien und 3 Jahre in Argentinien.
Sehr stolz präsentierte er uns zum Frühstück Tostada mit echtem Olivenöl, wie in Spanien. Olivenöl ist ebenso wie Obst und Gemüse kaum zu bekommen.
Eduardo fragte ich, warum hier so viele Straßenhunde vermeintlich ohne Herrchen rumlungern, aber dennoch eine Art Stoffhalsband (eigentlich eher ein Stofffetzen) tragen. Die verblüffende Antwort war, dass gemäß dem Glauben der indigenen (er selbst ist auch indigener Abstammung), der Hund den Geist des frisch verstorben Herrchens oder Frauchens über die "große Kluft" sicher auf die andere Seite bringt. Stirbt also ein Mensch, wird auch sein Hund getötet und unmittelbar neben ihm begraben, damit das Tier seine letzte Aufgabe erfüllen kann. Besitzt der Verstorbene keinen eigenen Hund, muss ein herrenloses bzw. fremdes Tier getötet und mit dem Mensch begraben werden.
Eduardo jedenfalls ist Parteimitglied, Anhänger und friedlicher Aktivist für den nach Mexiko geflüchteten Noch-Staatspräsidenten Evo Morales. Eduardo erklärte in schillernden Farben, dass Morales den Indigenen ihre Identität zurück gegeben hätte und sich der allgemeine Lebensstandard in Bolivien in der Amtszeit von Morales dramatisch verbessert habe. Angesichts der Unruhen im Land hat sich Eduardo allerdings nun entschlossen, seinen Laden zu schließen und mit Frau und Tochter nach Argentinien in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Zu gefährlich hier, meint er.
Ich kenne die politischen Gegebenheiten in Bolivien nicht, aber es ist tatsächlich anzumerken, dass sich Evo Morales im ländlichen Raum allergrößter Beliebtheit erfreut. Wir trafen ausschließlich Verehrer des Mannes. Überall an den Straßenrändern befinden sich Treuebezeugungen für ihn.
Man muss auch sagen, dass über 1000 km in Bolivien in den strukturschwachen Gebieten, neue Stromleitungen, Wasserleitungen, Straßen, Häuser und Gemeindehallen in den kleinen (indigenen) Ansiedlungen gebaut wurden. Man erkennt es deutlich an den noch spiegelnd-neuen Wellblechdächern und Strommasten, die noch keine 10 Jahre alt sind. Evo Morales kam 2006 ins Amt.
Wir waren immer wieder erstaunt, wie viel dieser Mann, der erste indigene Präsident des Kontinents für die einfachen Leute offensichtlich auf den Weg gebracht hat. Das ist wohl nur eine Seite der Medaille, aber das jedenfalls waren unsere Beobachtungen.
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