Etwa 100 Kilometer vor Lima in einer Ortschaft vor einer "Bäckerei" trafen wir noch einen mobilen Scherenschleifer, so dass meine Machete nach 2 Monaten endlich den letzten Schliff bekam.
Was allerdings von der Strecke positiv in Erinnerung bleibt, ist, dass es Cindy gelungen war, eines morgens, als sie sehr früh aus dem Zelt ging, hübsche Fotos von verschiedenen Vögeln zu schießen. Dies geschah nahe des Nationalparks Paracas.
Nachfolgend eine kleine Auswahl der Wasservögel-Fotos.
Schließlich, am 19.12.19, die letzte Nacht in der freien Natur für 4 Tage.
Mit Blick auf die ersten Ausläufer des Hauptstadt-Ballungsgebietes:
Am Folgetag dann vermeintlich eine gute Stunde Fahrzeit durch die Stadt zur Unterkunft nach Lima. Alles easy. Jedenfalls gemäß Navi. Daraus wurden dann verkehrsbedingt mehr als drei Stunden, zwei davon in der Stadt selbst, nervenaufreibend.
Untergekommen waren wir nach Vorausbuchung in Lima per Airbnb bei der unverheiratet-kinderlosen Psychologin Adriana (45) und ihrer seit 11 Jahren verwitweten Mutter Claris (77).
Frisch aus der Küche wurden uns sogar von Mutter und Tochter selbstgemachte Plätzchen gereicht. Süß.
Wir wohnten also einige Tage im Norden der Hauptstadt, in Los Olivos, einem Stadtteil mit kriminalitätsbedingt etwas unrühmlichen Ruf.
Seitenstraßen sind daher oft komplett mit Eisengattern verriegelt (hatte mich an die Bilder vom Warschauer Ghetto erinnert) und werden von einer Art privat engagiertem Blockwart patroulliert.
Auch viele Geschäfte wie diese Apotheke, in der ich eine Zahnbürste erstand, sind permanent vergittert und haben lediglich eine Verkaufs-Durchreiche.
Weit über 10 Millionen Einwohner leben in Lima. Die wollen mobil sein. Das bedeutet eine dauerhafte Verkehrslage, die schmeichelhaft als geordnetes Chaos definiert werden muss. Betonung liegt dabei auf Chaos. Der Aufenthalt in Lima war bislang fahrerisch betrachtet, die größte Herausforderung in meinem Leben. Nominell sind z.B. auf der Hauptstraße 3 Fahrstreifen pro Richtung markiert, de facto sind es jedoch 5 oder 6 Fahrzeuge, die die Straße nebeneinander und ständig hupend im Stopp and Go benutzen. Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug kleiner oder gleich 10 cm.
Auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris sind ja auch mehrere Fahrstreifen in eine Richtung markiert, doch die Verkehrsplaner behielten dort die Oberhand. In Lima hingegen war die Investition von 1000+ Eimern abriebresistenter weißer Asphaltfarbe für die Fahrbahnmarkierungen zum Fenster rausgeworfen. Die Striche haben nichtmal sonntags mehr als symbolischen oder kosmetischen Charakter.
Weniger als Kosmetik ist dann auch diese Fahrbahnbegrenzung zwischen Fahrstreifen aus langgezogenen Bergen von Müll. Einschließlich Sessel im nachfolgenden Foto.
Was ich hier erfahren habe, ist, dass mich in Deutschland erlerntes defensives Fahren in Lima nicht weiterbringt.
Jedenfalls hatte ich für die Metropole zwangsläufig und kurz entschlossen umgedacht. Man muss sich anpassen, sich mutig und behende in die antizipierten Verkehrsströme einfügen und trotz der stets begleitenden Frage, "reicht das?", scheinbar recht aggressiv, aber gleichwohl kühlen Kopfes durchmanövrieren. So kommt wundersame Ordnung ins katalysatorfreie Chaos, bestehend aus modernen Doppeldecker-Bussen, riesigen Lkw-Gespannen mit Nebelhorn-Hupen vom Containerschiff ausgestattet, polternden überbreiten Sattelschleppern mit zweifelhafter Ladungssicherung, kleinen Motorrädern, die immer irgendwie und irgendwo noch rechts oder links bzw. zeitgleich rechts und links durchpassen (oder aber stecken bleiben), Pkw - und natürlich hunderten oder tausenden von alten, verbeulten (warum wohl?) stinkend-partikelfilterlosen Südamerika-Bussen. Ich vermute, genau diese Busse waren dafür verantwortlich, dass unsere Gesichter trotz der Integralhelme nach einer Durchfahrt der Stadt von Süd nach Nord so verrußt aussahen, wie die von Kohlebergmännern nach Schichtende. Glück auf!
Dieses sagenhafte Erlebnispaket war zusätzlich gewürzt mit dem Stressfaktor des ständigen Hupens der Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer aus ungeklärtem Anlass. Wir haben auch schon in anderen peruanischen Städten festgestellt, dass sie Hupe nicht zuvorderst dazu vorhanden ist, um vor Gefahren zu warnen. Vielleicht auch, aber eben nur untergeordnet. Jede Kreuzung wird bei Annäherung von den meisten behupt. Man will signalisieren: "Achtung, ich komme". Oder man möchte andere ermuntern: "Fahr' doch! (schneller)". Oder von den unzähligen Taxis wird eingeladen frei nach Daliah Lavi: "Willst du mit mir fahr'n?". Oder, und das scheint mir der Hauptgrund des Hupens: "einfach nur so". Ausdruck einer anderen Kultur.
Man muss sich umgewöhnen.
Das freundliche Vorbeiwinken, oder Eingliedern per Reißverschluss-System des "Verkehrspartners", wie einst im 7. Sinn in der ARD gelehrt, würde hier zur Lachnummer. Man braucht allerdings durchaus einen 7. Sinn bei diesem überdimensionalen Autoscooter-Geschehen ohne Gummipuffer.
Wie auch immer, eine interessante Erfahrung. Unser Interesse jedenfalls, nochmal 2 Stunden in das Zentrum Limas zu schleichen (und wieder zurück), war gering ausgeprägt und so erkundeten wir lediglich den Norden der Stadt per pedes.
Sehr steile Gemsen-Hänge an eben diesem Berg und eindeutig unzureichendes Schuhwerk bei Cindy:
Apropos Kriminalität: Auf dem Gipfel fand sich dann tatsächlich eine bargeldlose Damenhandtasche mit daneben liegenden Papieren und Kreditkarten. (Hatten wir dann mitgenommen und abgegeben).
Soweit unsere paar eher erlebnisarmen Tage in Lima, bzw. einem Stadtteil davon.
Die Herausforderung, die nun vor uns (und besonders der kleinen Kenton) lag, war einmal mehr, die Anden zu überqueren. Nunmehr knapp unter der 5000 Meter-Höhen-Marke und diesmal, zwangsläufig um die einzige Möglichkeit zu nutzen, auf einer der wenigen Verbindungen über das enorme Gebirgsmassiv in den Regenwald zu gelangen.
Peru ist in 3 Hauptregionen geteilt. Den sehr schmalen, 2500 Kilometer langen Küstenstreifen mit seinem mediterranem Klima zum Pazifik im Westen, der riesige feuchtheiße Regenwald "La Selva" (auf der Karte hellgrün) mit dem Amazonasgebiet im Osten und die steile Gebirgskette der Anden mit regelmäßigen Minusgraden, Schnee und Sauerstoffmangel, die die beiden erstgenannten Regionen mittig voneinander trennt (auf der Karte braun dargestellt).
Doch davon mehr beim nächsten Mal. Einen guten Start ins Jahr 2020, falls wir uns nicht mehr lesen!
P.S. Wer nicht glaubt, dass die Nikolausmützen tatsächlich allgegenwärtig sind, der muss erleben, wie sich die Verkehrspolizei auf mehreren Motorrädern mit Weihnachtsbeklebung (!), in voller Kostümierung mit Blaulicht und Martinshorn freie Bahn schafft!

Sehr Klasse. Und die Machete ist wirklich scharf geworden?
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