Dienstag, 3. Dezember 2019

Andenhochland Bolivien

Wir hörten von gesperrten Grenzen zwischen Bolivien und Peru. Zudem war die Situation in den Städten Boliviens weiterhin angeblich extrem angespannt. Da wir auf dem direkten Weg nach Peru an La Paz im Nordwesten Boliviens hätten vorbeifahren müssen (was angeblich wegen Straßensperren unmöglich war), entschieden wir uns, einen Umweg nach Westen über Chile in Kauf zu nehmen, um nach Peru zu gelangen. 


Nur wenige Kilometer nach dem Salar de Uyuni bzw. dem Dorf Tahua begegnete uns Philippe, Franzose aus Perpignan, in der Einsamkeit. Er kam mit dem Fahrrad aus Chile. Zuhause betreibt er ein Seminarzentrum, das nun ein Freund managt. 

Philippe, netter Individualtourist auf (erneut) 10-monatiger Fahrradtour durch Südamerika.

Weiter zog alsbald ein jeder seinen Weg.

Was interessant ist: unsere Reise-Know-How-Papierlandkarte, Google Maps und Maps.Me stimmen fast nie überein. Der eine zeigt einen Weg, den es in der Realität nicht gibt. Oder es wird angezeigt, das keine Straßenverbindung bestünde, die es de facto aber doch gibt. Es muss viel geraten, gefragt und probiert werden. Alles Teil des großen Pfadfinderspiels.

Für uns ging es auf unbefestigten Pfaden und teilweise gänzlich ohne erkennbare Wege abseits jedweder Infrastruktur durch teilweise brückenlose Flüsse und Wüstenabschnitte.

Dann zuweilen wieder etwas lebendigere Natur.
Tägliche und zahlreiche Wirbelwinde konnten wir ebenfalls bewundern.

Im Falle der zuvor genannten Wüstenabschnitte hieß das harte Urteil für uns: Abladen, das Gepäck durch den tiefen Wüstensand schleifen und das Motorrad mit der nicht nennenswert verbliebenen Rest-Motorstärke über die Dünen zu drücken. Die Eigenkraft der Kenton reichte in dieser Höhe der Anden nichtmal aus, um sich selbst durch den tiefen Feinsand zu bewegen. Was für eine Quälerei ohne wahrnehmbaren Sauerstoff in der Atemluft! 
Kaum war das eine geschafft, lauerte die nächste Herausforderung: Flüsse.
Nur einmal war eine intakte Brücke vorhanden.

Im Übrigen musste improvisiert werden.

Flüsse ohne, oder mit baufälliger Fußgängerbrücke. Also wieder abladen und das Gepäck über die schaukelige Holzkonstruktion ans andere Ufer tragen...


Augen auf und durch.


Irgendwann wurden wir nach den Strapazen mit einem schönen Schlafplatz inmitten von Lamas belohnt. So wie Lenzhahn/Ts. mehr Pferde, als Einwohner und Irland mehr Schafe, als Einwohner hat, so hat diese Region ein mindestens Hundertfaches, wenn nicht Tausendfaches an Lamas verglichen zu Menschen aufzuweisen. 


Dennoch, ein gewisser Erschöpfungsgrad am Abend.
Am zweiten Tag in unserem Lama-Camp, erst massiver Sand- und dann Hagelsturm über Stunden. Ein tolles Erlebnis, so nah an der Natur zu sein. Allerdings begleitet von der bangen Hoffnung, dass das 75 Euro Zelt aus fernöstlicher Fertigung der Belastung standhält. Dies führt zu gewisser Anspannung. Nicht nur, weil einem nach gewisser Zeit die Arme vom Abstützen des Zeltgestänges wehtun.
Es braute sich was zusammen.


Nach Regen kommt bekanntlich Sonnenschein!
Täglich frisches Brot aus der Bordbäckerei.
Und lecker Mittagessen.

Wie immer gilt: sämtliche Spuren, Rückstände und Abfall werden stets penibel beseitigt. Das mutet oft wie ein Witz an angesichts des Mülls, der in der Landschaft liegt, aber jeder muss nach und mit seinem eigenen Gewissen leben.

Am übernächsten Tag ging die Quälerei mit den unbarmherzig-ätzenden Wüstenabschnitten weiter.

In einem Fall begegneten wir einem Schafhirten, der uns aus der Wüste entgegenkam - sein Fahrrad ohne Gangschaltung und ohne Pedale 10-Meterweise tragend. "Kein Durchkommen!", hieß es. Er war dankbar für unser Wasser und ich war dankbar für seinen Tipp, wie wir diesen Wegeabschnitt theoretisch umfahren können.


Der Mann war einen ganzen Tag unterwegs, um im herunter gekommenen 300-Seelen-Dorf Chipaya, wieder einmal der einzigen Ansiedlung weit und breit, ein paar wenige Grundnahrungsmittel, wie Mehl oder Zucker zu kaufen.

Als weitere hilfreiche Begegnung erwies sich alsdann Carlos, der Cindy auf seinem Leichtmotorrad ein paar Kilometer mitnahm und mir damit gleichzeitig den verschlungenen Pfad nach Chipaya wieß.

Leider gab es für uns tagelang keine Möglichkeit, Geld in die Landeswährung zu tauschen. Geldautomaten gab's schon zweimal nicht. Also entweder 150 km bzw. 2+ Tage zurück nach Uyuni fahren, oder Zähne zusammenbeißen und uns weiter Richtung Chile mit unseren bescheidenen Essensvorräten durchwurschteln.
"Weiter!", trafen wir die Entscheidung, vorbei an sehr ursprünglichen Lebensräumen.


In Chipaya konnten wir dann im einzigen Lädchen mit unseren letzten Bolivianos (umgerechnet 2 Euro) ein paar geschmacklose Kekse bolivianischer Produktion kaufen und kostenloses Regenwasser aus dem Blecheimer von Luchitos Schuppen bekommen.

Luchito.


Tja, und was soll man sagen, 10 km vor der rettenden asphaltierten Nationalstraße 12 Richtung Chile war dann Schluss. Fast alles umsonst. Nur noch Wüste. Rechts, links und vorne. Rien ne vas plus. Nichts geht mehr. Also war die Quälerei eines ganzen Tages vergeblich. Mangels ausreichender Trinkwasserreserven entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und nahmen 50 Kilometer Umweg auf steilen Schotter- und Sandpisten in Kauf.


Ende Gelände. Tiefer Wüstensand, diesmal in der quarzigen Farbnuance Hellanthrazit.

Irgendwann erreichten wir dann die Nationalstraße 12 Richtung Chile. Da hieß es endlich "Freie Fahrt für freie Bürger". 
Asphalt! Welch ein Segen!

Bolivien in Richtung Chile. Wir waren beinahe die einzigen Verkehrsteilnehmer auf dieser schönen, glatten, breiten, kerzengeraden Straße. Fahren könnte so einfach sein!

Der nächste Bericht folgt also nach dem Grenzübertritt in Pisiga Bolivar / Colchane aus Chile.

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