Donnerstag, 4. Januar 2018

Abschied von der Estancia Iparoma.

Nach genau 3 Wochen ist meine Zeit auf der Estancia Iparoma nun zuende. Mein Aufenthalt länger, als geplant, aber wegen der angenehmen Gemeinschaft war es das wert. Wieder ist es so, dass mir die Menschen schnell ans Herz gewachsen sind. Schön, dass ich ein Stück an ihrem Leben teilhaben durfte. Manches tiefe und ehrliche Gespräch fand statt.
Umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie kurz wir uns kannten.

Jeder dieser Menschen, die ich auf der Estancia von Gerhard und Marylin Wohlgemuth erleben durfte, hat mich ehrlich beeindruckt!

Zum Abschluss noch mein kleines "Familienalbum".

Gerhard mit seinem freundlich-zurückhaltenden Wesen, will mit dem ganzen Tourismus nix zu tun haben und widmet sich der Ranch, dem Traktor und dem Vieh. Seine Frau Marylin hingegen geht ganz darin auf, dass möglichst viele Gäste kommen und es diesen auch gut geht. Dazu kommt sie auch oft selbst auf Iparoma vorbei und streicht ("färbt") den ganzen Tag Wände mit Unterstützung von Gabriel. Von Marylin lernte ich noch zum Abschied, dass ich beim Anhalten mit dem Rad in Alto Paraguay wegen der Moskitos, die keinen Rauch mögen, immer gleich ein Feuer machen soll. Offenes Feuer unterläge keinerlei Beschränkungen im Chaco und sei "immer angebracht".

Von Gerhard habe ich zum Abschied gelernt, dass man gegen angreifenden Jaguar keine Chance hat (jede andere Aussage hätte mich verwundert). Aber er würde, außer während der Brunft und während seiner Fresszeit oder wenn er Junge hat, Menschen aus dem Weg gehen. Ob diese Erklärung ermutigend oder Besorgnis erregend ist, weiß ich selbst nicht so recht.



Dass alles auf Iparoma auch im Alltag gelingt, dafür sind Andreas und Elvira (Elli) als treue Verwalter zuständig. Die Loyalität, mit der die beiden ihre Arbeit verrichten, ist etwas Besonderes. Um 23.30 Uhr neue Gäste begrüßen und noch ein Essen für sie vorbereiten oder morgens um 4.00 Uhr persönlich verabschieden. (Dabei, wie am Samstag passiert, noch feststellen, dass der Reifen am Gäste-Pick-Up platt ist und helfen, das Rad zu wechseln). Dazwischen alles das tun, was über den Tag hinweg anfällt und getan werden muss. Kochen, Haushalt, Tiere, Melken, Handwerk. Gefühlt mit wenig Privatleben. Vergangene Nacht, hat er um nach 01.00 Uhr nachts noch Wände gestrichen, wie ich sah, weil Gäste für dieses Zimmer erwartet werden. Das ist hohe Arbeitsmoral und Pflichtbewusstsein. Man beklagt sich gerne über die Servicewüste Deutschland, aber ich gestehe, dass das, was Andreas und Elli hier leisten, mir auf Dauer außerordentlich schwerfallen würde.
Ich freue mich, dass sie als Ehepaar ein so gelingendes, traditionelles Familienbild leben, das von gegenseitigem Respekt und viel Lachen geprägt ist.
Alan profitiert davon und kann sich vielfältig entwickeln.

Dieses Foto war mir gelungen, als das Kalb geboren wurde.
Die Portraits stammen von Cindy.

Andreas und Bärbel beim morgendlichen Melken.



Elli beim Versorgen der nunmehr verkauften Schafskinder. Auch Elli leistet treu Schwerstarbeit. Klaglos und respektvoll. Inbegriff des "stillen Wandels" und doch in liebevoller Konsequenz, wenn es um Alan geht. Ellis eigene Erziehung und Verständnis lässt es nicht zu, Frauen, die deutlich älter sind, als sie selbst mit ihren 31 Jahren, anzuleiten, oder zu korrigieren (z.B. 1.Tim 5, 1-2 ).

Charakterkopf



Immer freundlich und hilfsbereit, der Andreas. Nie ein böses Wort aus seinem Mund. Ich wollte mich bemühen, den heimatlichen Begriff für Schlitzohr ("Sauhund") in meinen allgemeinen Erzählungen wegzulassen, weil Andreas immer zusammenzuckte, wenn ich ihn benutzte, denn er dachte, es sei ein böses Wort. Ich war bis zum fast letzten Tag kläglich gescheitert. Sorry, Andreas! Schönen Urlaub in Bolivien wünsche ich euch!






Elli bereitete letzte Woche den ganzen Tag über 6,4  kg kleine, gefüllte Teigtaschen nach russischem Rezept für Gerhards 61. Geburtstag vor (und dazu gibt es, wie öfters zu ihrer Erbauung, Musik von Heintje - Smartphone durch Mehlbeutel verdeckt).



Alan, irgendwie der krasseste Bewohner auf Iparoma und Medaillenaspirant in der offenen Coolness-Wertung der Kinderklasse bis 6 Jahre. Hans-Dampf in allen Gassen. Gewinnt auch beim Billard zuweilen gegen denn 13 Jahre alten Gabriel oder Joel, einer der erwachsenen Söhne von Gerhard und Marylin.



Gibt immer eine gute Figur ab. In dieses edle Outfit hat ihn keiner hinein gezwungen, um bei Tante Frieda gut dazustehen.
Er wollte es Anlass-Un-Bezogen an-gezogen haben. 


Wer richtig cool ist, der trägt auch Flip Flops zur Fliege. Der lebt unbeschadet von Modediktaten, bleibt komplett straflos und ist frei von gesellschaftlicher Ächtung.
Getreu dem Motto: "ich kleide mich nicht modisch, ICH BIN die Mode!"

Auch auf spiegelglatter Rennstrecke.






In die Schule will er nicht, "weil da die Kinder rumschreien". Er lernt lieber zuhause. Darf er.
Kindern aus Deutschland, denen er hier begegnet war und die in der Schule gemobbt wurden, empfahl der kleine Sozialrevoluzzer einmal:
 "Geht da nicht hin. Lernt lieber zuhause!".
Der Junge möchte Polizist, Vorarbeiter auf einer Estancia, Tierarzt, Feuerwehrmann, Pfleger, Soldat und Vater von 10 Kindern werden. Berufe nacheinander, alle paar Jahre was Neues. Die Geburten möchte er bei seiner künftigen Gattin selbst vornehmen.

Alle sind cool, auch die fotografierende, kunstschaffende Holländerin Cinderella "Cycling Cindy". 10 Jahre allein unterwegs. Arbeitet gern allein in der Küche. Tier- und naturverbunden. Offen, freundlich, liebenswert, klein, furchtlos.
Anders. Ganz.

Foto von Cindys Blog

Auf Iparoma


Hier schreibt sie aktuell über ihre Erfahrungen auf der Farm hier. Ganz tolle Fotos und ausgesprochen schöne Beschreibung des Lebens hier (auch wenn Andreas und Familie in Gegensatz zu Gerhard und Marylin keine Mennoniten, sondern auf dem "Wurzelweg" sind, wie er es nennt, also die hebräischen Wurzeln des christlichen Glaubens entdecken und leben)

Die frühere Lebensmittel-Fotografin Cindy (hier ihr Blog in Englisch) mag eigentlich viel persönlichen Rückzugsraum. Und ist trotz Rohloff-Nabenschaltung am Trekking-Bike Minimalistin. Backt unterwegs ihr Brot in gebrauchten Dosen, wäscht sich im Meer und in Flüssen. Ihr Ofen im Bild ist auch eine alte Dose. In diesem persönlichen Wohlfühlklima entwirft und näht sie ihre Kunstgegenstände, die sie online international vertreibt. Zum Beispiel dieses Täschchen, das mit vielen verschiedenen Fellresten von Tieren verziert sind, die sie am Straßenrand findet. 

 Sie ist unter anderem von Holland aus mit dem Rad nach Indien gefahren. Und auch sonst: über 50.000 Kilometer durch 40 Länder geradelt. Ohne jede sportliche Vorprägung.
 Genug gehabt von 9to5. Einfach losgelegt. Insgesamt mit Unterbrechungen, zunächst auch
 ohne Rad, seit 10 Jahren in der Welt unterwegs. Sie spricht sich gegen die klassische 
Kohlenhydrat-Diät beim Fahrradfahren aus und plädiert stattdessen für Fette als Energielieferant.
Danke Cindy, für die professionellen Fotos, die du gemacht hast!

Bärbel (hier ihr Blog) ist auch 44, wie Cindy, und nochmal anders und wieder klasse. Ehrlich, direkt, rauh (aber nicht zu rauh. Eigentlich gar nicht.), Kreativ, knüppelhart draußen arbeitend. Leidensfähig. Auch trotz Bauchweh nach 4 Gläsern Molke kaum aus der Fassung zu bringen. Kämpferin. Vollblutsächsin. Viellachend. Sie ist durch viele unterschiedliche Einflüsse und Wissen aus der ganzen Welt geprägt. Von DDR bis Chile. Wüste bis Hochgebirge.


War in 7 Monaten und 2 Tagen 2.500 km von Leipzig nach Santiago de Compostela am Atlantischen Ozean gelaufen. Ebenfalls seit 10 Jahren mit Unterbrechungen allein in der Welt unterwegs. Bärbel und Cindy haben in ihren plusminus 10 Reisejahren unter teilweisen Extrembedingungen Dinge gesehen und gelernt, da reichen für die meisten ganze Leben nicht aus. Bärbels Erlebnisse und Anekdoten auf irgendwelchen völlig abgelegenen Bergbauernhöfen könnten zahllose Kinder der Enkelgeneration an langen Kaminabenden glücklich machen. Wie zum Beispiel, dass in Bolivien Kinder mit dem Namen "Ilovny" oder "Usarmy" rumlaufen, weil sie ignoranterweise nach T-Shirt-Beschriftungen benannt wurden
(I love NY bzw. U.S. Army).


Glücklich wird man auch durch selbstgemachten Käse alà Tante Bärbel.
Klar, ist Käsemachen ohne Lab (wenn's sein muss auch ohne Essig oder Zitronensaft kein Problem für jemand, wie sie). Da braucht sie nichtmal ein Rezeptbuch.

Liebe zur Natur und Feinfühligkeit für die natürlichen Dinge sind ausgeprägt.

Iparoma selbst wird mir auch wegen der Geräuschkulisse in Erinnerung bleiben. Der geneigne Leser mag sich fragen, wieso ich zuweilen von Ohrstöpseln im Zusammenhang mit der Natur schrieb.
So hört es sich an, wenn ich schlafen wollte.  Ich habe ja keine Fensterscheiben und so komme ich vom Zuglärm zuhause über die Schreihähne in Asunción, weiter zu Fröschen, Zikaden & Co.  Die geben auch nie auf und werden nicht müde. Ohren und Unterbewusstsein sind ständig herausgefordert, sich anzupassen. Trotzdem ist das auch eine Art Liebeserklärung an den Chaco und Iparoma. Irgendwie auch schön.

In meinem kleinen "Familienalbum" komme ich mir sehr unwissend vor, bei all den spannenden Leuten und den tollen Sachen, die die so können und wissen. Selbst die Frösche hören sich nach ein paar Stunden wirklich an, wird Konzertisten. Es wirkt dann geordnet-harmonisch. Und die Zikaden setzen im richtigen Moment ein. Erstaunlich, man braucht nur Ohren zum hören.

 "Ein jeder habe etwas", heißt es ja.
Ich weiß, was ein Simshobel ist und dass ein Stemmeisen
auf Hochdeutsch Stechbeitel heißt. Ein Anfang.


Tschüß Iparoma und Danke, Gerhard, Marylin, Andreas, Elli, Alan, Bärbel und Cindy!
Toll, euch alle getroffen zu haben.
Alle waren eigens in der Frühe aufgestanden, um mich zu verabschieden und bis zum Ausgang in 1,5 Kilometer zu begleiten. Wie lieb!





Ich bin dann weg Richtung Bahía Negra, Alto Paraguay.


Die Ortschaft liegt oben rechts im gelben Bereich an der Grenze zu 
Brasilien und dem Landzipfel an der Grenze zu Bolivien.

2 Kommentare:

  1. I read it but my German isn't just very good!I believe, knowing you for 3 weeks, you hit the right words to describe all of us. I think you are a great man, with your own ways which fitted so well with all of us 'weird' people (your words). I think we were the most normal yetbeautiful melange group! It was good to meet you and work with you (like I cooking and you fixing my door). I hope you are not having twitching calves when you read this ; )) Much admiration for you! Greetings Cindy

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  2. Thank you Cindy for your very kind words! Much appreciated. Blessings, Geo

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