Freitag, 12. Januar 2018

In Concepción

Mein erster voller Tag in der 50.000 Einwohner großen Hafenstadt Concepción begann mit der Anreise über eine der Haupt-Zufahrtsstraßen aus Loretta.

So sitze ich nun um 9 Uhr zum Frühstück bei "Tante Rossy"  beim möglicherweise hormonunbehandelten halben Hähnchen an der Hauptstraße.



Hier komme ich mir vor, wie bei Rudi Carells "Am laufenden Band". Von meinem Logenplatz aus sehe ich, was alles vorbeifährt. Am meisten erscheint vor dem inneren Auge "das Fragezeichen". In Verkehrssicherheits-Hinsicht, meine ich.

90% der Fahrzeuge sind Mopeds. 5% Autos, darunter 2 x das Einsatzfahrzeug der Polizei "Cobra 189". Den Rest teilen sich Pferdedroschken und Fahrräder. 
Von den Mopeds haben 95% kein Kennzeichen. 99% der Fahrer haben keinen Helm auf. 95% der männlichen, helmlosen Fahrer tragen Baseballmütze oder Hut. Die weiblichen Fahrer tragen mit Ausnahme einiger jüngerer Frauen und Mädchen keine Kopfbedeckung.

Eine Altersbeschränkung zum Führen der Mopeds scheint es nicht zu geben. Einige Mädchen um die 10 Jahre alt, fahren mit jüngeren Geschwistern sehr sicher auf den Zweirädern.

Vier auf einen Streich.
Zwischen Mama und Papa versteckt sich noch ein Kind.
Das habe ich auch in Loma Plata gesehen,
 doch da trugen alle 4 vorschriftsmäßig einen Helm

Eine Begrenzung bei der Anzahl der mitfahrenden Personen gibt es offenbar ebensowenig. 3 ist üblich, 4 nicht selten und Babies mitgezählt, war 5 der Highscore im Fahrbetrieb. Fahren auf dem Stahlrohrgepäckträger und gleizeitiges Bedienen des Smartphones ist für den modernen jungen Menschen keine Herausforderung. Ebensowenig, wie Bedienung des Smartphones als Fahrer.
In Paraguay ist dieser Witz vom Olli definitiv gar nichts zum Schmunzeln. 

Ein paar Kuriositäten, die ich noch gesehen habe:

Mutter hat links ihren Säugling im Arm, mit rechts fährt sie den Roller. Auch mit Vätern und Kleinkindern beobachtet.
Mehrere Mopeds mit Freischneider (Motorsense). Manche Fahrer entschieden sich, dass die etwa 130cm des Gartengerätes entweder nach hinten, seitlich oder nach vorne in die Fahrbahn ragen.

Ein Zimmermann mit rotem Zimmermannsbleistift hinterm Ohr. Quertransport von 10 Dachlatten zu je 1.50 Meter ab Gepäckträgermitte quer zur Fahrbahn.

Ein Fahrer hatte, laute Kratzgeräusche verursachend, etwa 6 Eisenstangen mehrere Meter auf der Fahrbahn aufliegend, hinter sich hergeschleift.

Insgesamt vier Damen saßen, wie in früheren Jahrhunderten üblich, in der schicklichen Position der Edelfrauen von feinem Geblüt. Mit keusch verschränkten Beinen seitlich zur Fahrbahn. Beim Reiten früher Damensattel genannt. 

Hochschwangere mit Kleinkind fährt in der Erwartung, dass sich die 2-jährige helmlose Sozia selbst um ihre Sicherheit kümmert.

Dann diese Situation: 1. Gang, Standgas. Ein Herr führt während der Fahrt die Zigarette in Zeitlupe zum Mund, als hätte er 10 Valium intus. Der Mann stellt vor meinen Augen alles in den Schatten, was ich zum Thema "tranquilidad" zu wissen glaubte. Ent-schleunigung passt als Schlagwort zu ihm nicht. Ich vermute, er hatte nie Be-schleunigt. Bestimmt ein sehr froher Mensch. Unwillkürlich kaue ich deutlich langsamer.

Wie bei Carells Am laufenden Band habe ich wegen des 'information overflow' bestimmt einiges vergessen. Doch halt, eins noch:

Fahrer von 2 Mopeds (einer fährt vorne, der andere fährt hinten), transportieren ein etwa 8m langes Eisenteil, ähnlich einer Leitplanke! 

Es ist so schade, dass ich das nicht alles auf Foto bannen konnte. Es scheint verkehrstechnisch alles zu funktionieren. In Deutschland appelliert man gerne an den gesunden Menschenverstand. Polizei und Richter hätten nicht das geringste Erbarmen in diesen Situationen. Wie gefährlich und verantwortungslos das alles sei. Cobra 189 lässt das indes alles kalt und offenbar ist man aufgerufen, selbst auf sich aufzupassen. Gefällt mir gut, der Ansatz.

Straßenschilder gibt's auch quasi keine. Hier auf den Straßen Concepcións glaube ich, das System erkannt zu haben. Die "Avenida", die hiesige, mehrspurige Hauptstraße hat Vorfahrt, bei allen anderen gilt, wer zuerst kommt, hat Vorfahrt. Nur an der Avenida habe ich Ampeln gesehen. Die vielen Einbahnstraßen und fehlenden Verkehrsschilder haben sich für mich in der Praxis auch nicht als das ganz große Problem geoffenbart. Wie mehrere Reißverschlüsse verzahnt sich alles sehr schön. Gehupt wird nur im Ausnahmefall. Verkehrsrowdytum Fehlanzeige. Nach 2 Tagen kann ich sagen, dass ich mich weder als Fahrzeugführer, noch Fußgänger überfordert fühle. Obwohl durchaus was los ist, auf den Straßen. Aber alles Gewöhnungssache.

Concepción ist sehr südamerikanisch. Keine europäischen oder nordamerikanischen Touristen, wie es scheint. Auch das Stadtbild mit Märkten und kleinen Geschäften ist wenig international ausgerichtet. Eine bevölkerungsmäßig sehr junge Stadt, scheint es. Wie eine Studentenstadt plus viele junge Familien.


In diesem Laden erwarb ich bei Eusebio (im Bild ist sein Junior), ein USB-Ladekabel und bei Arturo, dem Hinterhofschrauber einige Straßen weiter, ließ ich es einbauen. Kosten 15.000 Guaraní, genausoviel, wie mein 1/2 Hähnchen bei Tante Rossy am Morgen. Bei Eusebios Sohn kaufte ich an Folgetag auch noch eine Handyhalterung.


Bei Arturo war der Preis von etwas über ZWEI EURO noch geringer, als in der Hähnchenbräterei, denn ich war zum Tereré-Trinken eingeladen. Hier bin ich mit meinem Latein und Spanisch radikal am Ende, wenn sich die Einheimischen unterhalten. 


Bei Arturo und Tereré, konnte ich den lokalen Starkregen "Chaparon" weiterhin im Trockenen verbringen. Diese enormen Wassermengen, die von Himmel kommen, sind wohl auch der Grund, weshalb die Randsteine bis zu 30 cm über der Fahrbahn liegen. Sonst wären wohl regelmäßig die Häuser überflutet.


Dann aber doch ins Hotel, geduscht, Wäsche gewaschen und mit dem Zurrgurt am Dach eine Wäscheleine gebastelt. Passt.

Keine Ingenieurleistung. Zugegeben.

Hotel. Das heißt in meinem Fall das Karaoke Hotel bzw. Hotel Center, in der Präsident Franco Straße (Manuel Franco, Präsident Paraguays 1916-1919).
Das Hotel war eine Empfehlung von jemandem, den ich auf Iparoma traf. Ich weiß nicht mehr, er das war.


Die Nacht kostet 8 Euro mit Klimaanlage, eigener Dusche, WC, Waschbecken sowie WLAN im Bereich der Lobby. Nachstehend der Blick von Gemeinschaftsbalkon.


Wie heißt es immer: einfach, aber sauber. Zimmer 45 von 53.

Einen Garagenplatz für das Motorrad bekam ich auch kostenfrei. Letzteres kam so: als ich mittags ankam, saßen Gäste im Speisesaal beim Essen. Der Chef des Hotels bat mich, mit dem Motorrad durch den Speisesaal zu fahren. "Adelante". Wie, mit Motor an? Ich muss mich verhört haben oder falsch verstanden. Ich hätte dich die Luft da drin mit den Abgasen verpestet und mit den Lenkerenden womöglich die Ketchup- und Getränkeflaschen von den Tischen geräumt. Der Chef erkannte mein ungläubiges Zögern und ging voran. Mir nach zu Zimmer 3, bzw. zur persönlichen Privatgarage nebenan.
Tatsächlich fahren nun Roller und Motorräder durch den Speisesaal, der einzigen Zufahrt zum Hof! Kurios.


Hier habe ich mein Stamm-Plätzchen gefunden. Habe kleinen, wackeligen Katzentisch mit einem schiefen Bein, aber Bank und Stromanschluss nebst gutem WLAN-Signal zum Blog schreiben. Meins!


Nun kam die Überraschung. Während ich zur Abendstunde wieder allein an meinem Katzentisch mit dem gebogenen Bein sitze, plötzlich geschäftiges Treiben. Tische werden alle verrückt. Außer meinem, das verbitte ich mir! Discobeleuchtung und 2 weitere Fernseher werden eingeschaltet. Allmählich dämmert es mir. Karaoke Hotel!?
Der Chef übernimmt das drahtlose Mikrofon und legt los. Dann kommen nach und nach die Gäste. Der unscheinbare Chef hat eine schöne Stimme und die anderen haben alle Spaß, wenn sie singen.

Dabei hilft auch das Bier im Sektkühler.


Karaoke nebst eisgekühltem Bierkonsum ging bis erschreckende 3 Uhr nachts. Vermutlich hat dann keiner mehr einen Text vom Bildschirm abgelesen. Das war etwa auch die Zeit, in der jemand etwas von den Augen des anderen abgelesen hatte, denn aus einem der Nachbarzimmer kamen vehemente Verlautbarungen ehelicher Pflichterfüllung zum lautstarken Ausdruck. Wenn es denn eheliche waren.

Das hätte in einem teuren 11 Euro Hotel ja auch passieren können...

Ich kann im Karaoke Hotel, am Katzentisch mein eigenes Essen aus dem Supermarkt verzehren, das einfache Mittagsgericht ordern oder auch ein Tässchen Kaffee trinken.

Drinnen gibt's nur Kännchen! 80ct. Paraguay kann vieles nicht so gut, wie andere, Kaffee gehört dazu. Aber für mich reicht das mittelmäßige Geschmackserlebnis. Privat kann man sich bei Bedarf Kaffee aus Peru oder Brasilien im Supermarkt kaufen.

80ct-Milchkaffee auf dem Katzentisch.

Wegen der fehlenden Nummernschilder hatte ich einen jungen Mann gefragt. Theoretisch gibt es ein Gesetz, die Motorräder und Roller anzumelden, aber praktisch macht das keiner. Es wird nicht verfolgt. Lediglich in der Hauptstadt, meinte er. Anmerkung meinerseits: und mindestens auch in den Mennonitenkolonien. In Loma Plata geht es beispielsweise sehr streng zu. Da fährt alles, selbst die 4-köpfige Familie mit Helm, wie ich dort sah. Angeblich, weil die Polizei das Gesetz dort so energisch durchsetzt.
In Concepción habe ich mir die Motorräder und Roller näher angeschaut. Siehe da, die Zweiräder, die ein Kennzeichen haben, ermangeln die aktuelle Plakette. Außer meinem aus dem Zulassungsbezirk Filafelfia, scheint es.


Vor einem Supermarkt, als ich Obst kaufte. 

Ich gehe jede Wette ein, dass hier auch kaum einer einen Führerschein für die Dinger hat. Wie auch, mit 10 Jahren?
Ach ja, die Straßen sind bei Dunkelheit beleuchtet. Das ist für die meisten Zweiradfahrer vermutlich die Begründung, weshalb sie auf Beleuchtung des eigenen Fahrzeugs verzichten. Der Hammer ist, man sieht die ja doch. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die Geschwindigkeiten generell gering ausfallen.
Noch am ersten Tag hatte ich Helm gegen Baseball-Mütze getauscht, um nicht ganz so extrem aufzufallen.

Speiseeis gibt's auch ganz in der Nähe. 4 größere Kugeln streichzartes, geschmacksintensives Schoko, Straciatella und "?" im Styroporbecher. Auf Wunsch mit Deckel und/oder Schoko- bzw. Erdbeersoße. Das ist schlau, denn mein Eis war trotz Langsamesserei bis zum süßen Ende Eis, und kein flüssiges Ex-Eis. Kostet 80ct. 8 Sorten jibbet zur Auswahl.



Nicht zur Auswahl stehen Ausländer. Die gibt es in Concepción praktisch nicht. Hatte mir in einer Pizzeria 4 Einzelstücke einer Pizza geholt. Man kann die Stücke aus unterschiedlichen Pizzen zusammenstellen. Nach wohlschmeckenden 2 war ich satt für 2 Euro. Von der Dame mittleren Alters, die den Laden schmeißt, erfuhr ich, was auch mein Eindruck war. Es gibt keine Ausländer hier. Höchstens "ganz, ganz wenig im Rahmen eines Austauschprogramms".

Noch weniger, aus Ausländer gibt es Baugerüste. Die sind schließlich nur für Feiglinge.



Die Stadt ist sehr sauber. Schmutzige Ecken, wie in Asunción habe ich keine gefunden, obwohl es die vielleicht geben mag.





Zur Sicherheitslage fällt mir ein, dass ich mich deutlich wohler fühle, als in deutschen Großstädten. Das schließt die Innenstadt Darmstadts zur Spätabendzeit mit ein.
Es gibt hier keine Schlösser für die Motorräder, ich sehe jedenfalls keine. Nichtmal Lenkerschlösser. Ich habe noch kein aggressives Geschrei erlebt, geschweige denn körperliche Gewalt. Wird es schon geben, aber das gesellschaftliche Klima ist sehr entspannt und freundlich.

Hier sieht man eine junge Frau, die mir am Donnerstag Abend auf der Avenida aufgefallen war. In der Rotlichtphase der Ampel zeigt die ihre Jonglierkunst. Manchmal gibt es von einem der Fahrer in der ersten Reihe ein wenig Geld.



Die Lautstärke ist zuweilen ein Minus. Nicht im Straßenverkehr, der schnurrt, hupfrei, wie ein Kätzchen. Aber die Musik... Der Paraguayer, so bestätigen sich die Vorurteile, hat gern sehr laute Musik. Nachbarschaftliche Rücksicht, scheint es nicht zu geben. Aber genau da liegt der Hund begraben! Das ist mein Problem als Deutscher. Wer war doch gleich das weltweit zufriedenste Volk? Eben.

Am Hafen war ich auch mal. Dort wurde gerade ein Schiff beladen. Sofa auf dem Dach, Obst und andere Produkte ins Boot. Passagiere warten bereits in Inneren. Solch ein Schiff fährt dienstags in 3 Tagen nach Bahia Negra im Norden, wo ich eigentlich hinwollte.


Tschüss von der verbesserten Kommandozentrale Dakar, Concepción, dem freundlichen Ort mit seinem liebenswerten Karaoke Hotel.








2 Kommentare:

  1. Das nicht Auffinden der alljährlich erforderlichen "Habilitation" als Aufkleber irgendwo am Motorrad, muß nicht automatisch bedeuten, das der Besitzer des Zweirades seiner Verpflichtung nicht nachgekommen ist, da es völlig ausreichend ist, die Plakette mitzuführen. Als Autofahrer wurde mir bei einer entsprechenden Kontrolle allerdings dringend empfohlen, den Aufkleber anzubringen. Bei der größe einer Windschutzscheibe fehlen natürlich auch die Gründe es nicht zu tun, was bei einem Motorrad ohne Vollverkleidung schon eher der Fall sein könnte.

    Verkehrstechnisch gesehen, bestätigt sich also auch wieder einmal, dass der Chaco besonders korrekt dastehen möchte, seine deutschen Wurzeln wohl nicht leugnen kann, ob das in jedem Fall positiv ist sei einmal dahingestellt...

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  2. Wieder ein guter Hinweis, danke. Ich würde das Maß an persönlicher Freiheit, dass ich hier in Concepción erlebe, der deutschen Ordnung im Chaco grundsätzlich vorziehen. Hier sind die Straßen genauso sauber, wie in Filafelfia, aber staubfrei, da Asphaltstraßen im Innenstadtbereich. Polizei habe ich befragt. Keine Mopedunfälle.

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