Sonntag, 14. Januar 2018

Concepción Teil 2. Chaco-Mobil wird aufgerüstet. Weiterreise.

Zunächst möchte ich feststellen, dass mir Concepción sehr sympatisch wurde. Wie meist im ganzen Land gibt es auch in dieser Stadt nichts Spektakuläres zu bewundern, was woanders nicht imposanter, größer, höher oder älter wäre.

Aber der Lebensstil der Menschen war einmal mehr etwas Besonderes für mich. Auch die Charaktere, die ich traf.

Dieser Musikant wartet auf die Weiterfahrt zu einer Veranstaltung. In der Zwischenzeit spielt er sich auf seinem Motorrad mit traditionellen Stücken warm. Der Mann mit seinen blank gewienerten Stiefeln hat Profil! (im Gegensatz zu seinem Vorderreifen).


In der sehr jungen Stadt gibt es auch ältere Herrschaften. Die fallen beinahe auf. Nicht nur, weil sie etwas für mich Auffälliges tun, sondern, weil es so wenig Ältere im Straßenbild gibt.

Ramona Fernandez ist 72 Jahre alt, wie sie selbst mehrfach stolz betonte. Wer meint, hier schleppt sich eine gebrechlich wirkende Dame durchs Leben, irrt sich. Señora Fernández wirkte lebensfroh und lachte viel (allerdings nicht beim Posieren fürs Foto). Ich brauchte nur zu sagen, dass in meinem Land niemand mehr Lasten derart auf dem Kopf trägt und die Frau konnte sich nicht mehr einkriegen. Jaja, die jungen Leute, gell.


Die Hotelangestellten lachen auch viel. Obwohl der Chef ein klein wenig zur Hektik zu neigen scheint. Ein klein wenig. Er möchte halt, dass der Laden läuft. Doch "Hektik" ist kein gutes Wort, das ihn zutreffend beschriebe. "Betriebsamkeit" ist besser.

Sehr witzig.

Manches ist ja auch wirklich zum Schmunzeln. Etwa, dass dieser Hotelangestellte seiner Frau oder Freundin am Nachbartisch eine Maniküre bietet und ihre Hände küsst. 
Was für ein Macho-Land. 10 Minuten später feilt sie seine Fingernägel am gleichen Tisch im Speisesaal. Wie süß!





Oben sieht man "El Jefe", wuselig-freundlicher und allabendlich gut singender Hotelbetreiber. Ich habe beschlossen, ihn nicht nach seinem Namen zu fragen. Er wird mir schlicht als "El jefe" in Erinnerung bleiben. Manchmal braucht es keinen Vornamen. Wie bei Inspector Columbo vom Morddezernat des LAPD. (Ich bin allerdings vermutlich einer von wenigen Menschen, die wissen, wie Peter Falks Filmfigur mit Vornamen heißt).

Während ich schreibe, läuft Leverkusen gegen Bayern München. Als Ribery das 2:0 für die Bayern schießt, entfährt dem Kommentator ein gefühlt zweiminütiges "Goooool". Lungentest für den Tauchschein bestanden, der Herr. Wieso dieser Enthusiasmus für ein Spiel in fernem Kontinent und noch mehr, wieso hatte Jolie, die erste Kraft im Hauses, die eigentlich die Trauerfeier für den von der EPP entführen und ermordeten Mennoniten Abrahan Fehr verfolgte, umgeschaltet? Sie weiß, dass ich Deutscher bin und hat freiwillig das Programm gewechselt. Wie lieb! Dabei bin ich nichtmal Fußballfan.

1 Ananas, 2 Bananen, 2 Äpfel, 2 Zitronen als Kontrapunkt gegen die extrem fleischlastige Kost in Paraguay. Der Markt findet täglich statt, die Preise sind zahm. Im Gegensatz zu meiner Fahrweise. Nicht, dass sie aggressiv wäre, aber ich habe das System durchschaut und mich helmlos angepasst. Wenn man sich darauf einlässt, wird schnell klar, wer wann fährt. Es gibt Augenkontakt zu den anderen Fahrern in unklaren Situationen. Das konnte ich gestern und heute oftmals ausprobieren, weil ich ungezählte Male im Baumarkt oder bei Eusebio oder sonstigen Geschäften war. Brausss!

Auf einmal, nach nur wenigen Tagen, fühlt es sich beim Zusehen normal an, zu dritt oder zu viert auf dem Motorrad zu fahren. Mich verblüfft das nicht mehr, wie noch bei Tante Rossy vor dem laufenden Band sitzend. Es ist auf einmal natürlich und selbstverständlich, dass die etwas konservativeren Damen mit ihren Kleidern oder Röcken, eben nicht breitbeinig auf dem Sozius eines Rollers sitzen möchten, sondern seitlich zur Fachbahn und somit etwas mehr Sittsamkeit zeigen (ein Wort, das nichtmal die Autokorrektur dieses Smartphones kennt).

Es ist weiterhin auch nicht schlimm, wenn manche junge Fahrer im Dunkeln ihren Motor oder andere Fahrzeugteile mit neonblauem Licht illuminiert haben. Na, und? Wen kann das stören? Warum muss denn in solchen Fällen in Deutschland die ABE, die Allgemeine Betriebserlaubnis mit vielen unangenehmen Folgen für den Beleuchter, erlöschen?

Am für mich karaokefreien Abend setzte ich mich an die Avenida, die, wie auch die anderen Straßen im Zentrum gut belebt ist.

Da ich für das Foto nicht auf der Bank saß und über das Leben nachdachte, war sie in diesem Moment auch nicht belebt.

Ausnahmsweise fuhr ein einzelnes Motorrad zu schnell. Eine wirkliche Ausnahme. Einer der beiden Polizisten, die in sehr entspannter Haltung am Straßenrand positioniert waren, bediente kurz seine Trillerpfeife. Das war's. Keine Hektik, keine Verfolgungsfahrt. Ende der polizeilichen Maßnahmen. Ich fragte die beiden, ob es mit den Motorrädern viele Unfälle gäbe. Nein, war die Antwort, die gibt es nicht. Und die Kriminalitätslage? "Nun, Kriminalität gibt's immer, aber ist nicht viel, hier". Siehe da, in vielen Ländern werden Bestimmungen immer schärfer und die Schlinge der persönlichen Unfreiheit, wird immer enger gezogen, bis auch noch irgendwann die "Verordnung zum Anlegen von Hosenträgergurten beim Betrieb von Aufsatzrasenmähern auf Privatgrundstücken" erfolgreich umgesetzt ist. Und in Concepción besteht ein natürliches Maß an Freiheit, an das sich der Mensch Geo aus seinem Kulturkreis erst gewöhnen muss. Ich vermute, dass wenn man in einem Umfeld, wie diesem hier, nicht bereit ist umzudenken und sich anpasst, d.h. auch die Musik annimmt, dann geht man ein, wie eine Primel oder wird bitter. Wer auswandern will, hat hier Gelegenheit, das so zu tun, dass er nicht im gleichen Verdacht steht, wie Ausländer in Deutschland, nämlich sich nicht integrierten zu wollen.
Alan sagte auf Iparoma, es störe ihn gar nicht, dass der Nachbar sonntags immer Radau macht und sehr laute Musik wummert. Es ist eine Frage des persönlichen Umgangs mit scheinbar  unangenehmen  Gegebenheiten. Um mit Wilhelm Busch zu sprechen: "Musik wird als störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden." Es kommt also auf die persönliche "Empfindung" an.

Eindrücke vom Grünstreifen in der Straßenmitte der abendlichen Avenida:

Stop! Nicht weiterfahren. Betriebserlaubnis erloschen!

Jim Knopf auf der jahrelangen, vergeblichen Suche nach der Insel mit zwei Bergen in dem großen, tiefen Meer... Aber, isch 'abe gar kein Meer 'ier, Senorita!

Mit dieser Maschine konnte man einst dampfwalzen, aber keinen Dampf walzen.
 Die deutsche Sprache ist nicht einfach.

Die Kunst ist "Clean". Nicht nur, weil hier dem Blütenweiß der Figuren keine Graffiti entgegensetzt werden.
Es geht auch insgesamt ohne Totenköpfe, Drachen oder Teufelsfratzen. Durchatmen.

 Zahlreiche Schnellimbiss-Stände an der Avenida.
Restaurants am Straßenrand in der Innenstadt sind gut frequentiert. 
Temperatur ist angenehm.

Wie schon in Asunción, ein Innenstadtplatz zum Abhängen. Der hier ist sehr sauber.

Also, alles nicht so schlecht. Einschließlich des Hotels, obwohl es vielleicht manch einen grausen würde, in einem Hotelzimmer ohne Fenster und mit rückenfeindlicher super-soft Matratze ohne Tisch und Stuhl zu wohnen. Im Chaco gibt es regelmäßig Frösche und Echsen im Bad und im WC. Diese Tiere fehlen hier wenigstens in der Nasszelle. Das Leben ist dennoch kein Kaffeekränzchen.

Für mich ist es jedenfalls angenehm, wenn ich mich im gesamten Hotel bewegen kann, wie ich will. Leinen an Dachsparren aufhängen, Tisch und Bank okkupieren, als wohnte ich wirklich hier, oder großherzig zu tolerieren, dass Roller durch den Speisesaal tuckern. Falls man sich entscheidet, das so sehen zu wollen, hat das sogar Charme den keine komfortable 7-Zonen-Federkernmatratze überbieten kann.

Oder wenn ich mich in Läden, nachdem ich 3-mal dort war, frei bewegen kann (nicht unverschämt, sondern einfach so. Natürlich).

Oder, dass sich die private Garage des "jefe" als Bastelwerkstatt benutzen durfte und ich dort ein Bier aus dem Sektkühler bei der Arbeit trank. Und das kam so:

Alles fing damit an, dass ich in einem öffentlichen Abfallkorb Nähe des Flusses einen ramponierten Bierkasten fand. Heureka! Es gibt nämlich definitiv keine Packtaschen oder Koffer für die Dakar. Ich war bei mehreren Kenton-Händlern und bei Zubehörläden. Gibt ja nichtmal Halterungen am Fahrzeug, sondern nur in sich abgewinkelte Haltegriffe für den Mitfahrer. Ungünstige Ausgangslage für die Anbringung von Anbauteilen. Aber ich brauche Stauraum.


 Jolie (Jolanda), die mich ein wenig an die junge Joan Baez erinnert, fragte ich, ob ich meinen verranzten Kasten mit Bruchstellen, gegen einen in gutem Zustand aus dem Lager des Hotels im Hof tauschen könnte. Und, ob sie das entscheiden dürfte, oder ich lieber den Chef frage. Die Entscheidung fiele in ihren Autoritätsbereich, hieß es. Als ich sie daraufhin "die Chefin der Bierkästen" nannte, kriegte sie sich kaum ein vor Lachen. Eigentlich ein beinahe unangemessener Scherz, in Deutschland mangels Etikette ohrfeigenverdächtig, aber hier lacht man gerne und in Spanisch hört es sich vielleicht nicht so doof an, wie 
auf deutsch. 
 Jolie suchte einen schönen Kasten "en buen estado" heraus und brachte ihn vorbei. Die Bastelei in der Chefgarage konnte beginnen.

Doch zuvor wieder ein paar Teile bei Fernando im Baumarkt um die Ecke geholt. Brausss! Besenstil zu 80ct und 8 massive Schlauchschellen. Warum kosten eigentlich ein Milchkaffee, 4 Kugeln Eis oder ein Besenstil immer 80ct.? Ganz einfach. 5000 Guaraní. Gibt auch einen Geldschein mit diesem Wert. Ist wie in Deutschland die üblichen 1,49 Euro. Falls es einen Geldschein gäbe mit dem Wert 1,49. 

 Fernando. Baumarktbediensteter.



Mein Provisorium eignet sich schon bereits jetzt zum Transport eines Besenstiels. Hurra.

 

Das Schweizer Victorinox Multitool ist m.E. einem Leatherman deutlich überlegen. Der Besenstil war für die Säge mehrfach kein ernstzunehmender Gegner.



                   Besenstilteile zur späteren besseren Zuglastverteilung exakt eingepasst.

Dann auf zu Eusebio, rutschhemmenden Gummischlauch besorgen. Den hatte er nicht da, also ist er selbst aufs Moped gestiegen und losgefahren, um einen gebrauchten Schlauch zu besorgen. Hier schneidet er ihn zu.



Ich trinke derweil Tereré. Hier mit seiner Schwägerin. Gehöre ja nach meinen täglichen Besuchen quasi zur Familie.

Dann zeigt er mir, wie die von mir ausgedachte Ummantelung der Soziushaltegriffe in Paraguay an Ende gesichert wird. Die Ummantelung dient weniger der Rutschhemmung oder Reduktion der Vibration, sondern dem verbesserten Kraftschluss zwischen Kasten und Haltegriffen.


Ich habe bei Eusebio noch einen Ersatzschlauch und "Solución", also Vulkanisier-Lösung und anderen Kleinkram erworben. Neuer Motorradschlauch kostete 3 x 80 ct.


Dann war ich auf Einladung von Eusebio in seinem Allerheiligsten. Wir unterhielten uns. Auch über eine Seite, die online übersetzt. Er wollte das so, denn einiges, was er sagte, verstand ich nicht. Schließlich hat er am Ende noch ein Selfie für sich mit uns beiden gemacht. Ich nicht! Wir haben uns umarmt und das war's.
Am Sabbat kaufe ich ja nix und am Sonntag früh fahre ich weiter. Wohin weiß ich nicht.

Beim Hotelchef bestellte ich eine Flasche Bier in meine Privatwerkstatt und Jolie brachte sie tatsächlich bald darauf im Sektkühler. Kam mir fast ein wenig dekadent vor.

Nachdem ich auf den Markt noch eine Kunststofftasche als Tankrucksack für knapp 3 Euro und einen Tagesrucksack, auch in stilechtem Dakar-Rot für 6 Euro erwarb, habe ich alles zusammen, was ich brauche. Damit ist die Kenton Dakar, Sondermodell "Cerveza" fertig.
Sollen sie ihre nicht vorhandenen Motorradkoffer doch behalten!


Probefahrt zum Fluss und zum Hafen.


Schiff wird beladen.


Einsamer Motorradweg entlang des Flusslaufes.

Einsamer Werftarbeiter schweißt und flext am hinteren Oberdeck.


Hier kommt jede Schweißarbeit wohl zu spät.


Ich hätte ein paar mehr Bilder von Concepción machen können. Oder auch nicht. An der Oberfläche betrachtet, bietet die kleine Stadt nicht so viel. Aber ich kann resümieren,  wenn ich Stadtmensch wäre und richtig die Sprache verstehen könnte, wäre das ein Ort zum Wohlfühlen. 
Besonders die Abstinenz jeglichen Tourismus hat seinen Reiz. Es ist authentisch und unverfälscht. Sei das positiv oder negativ. Auch Preise wie bei Arturo, dem Hinterhofschrauber, sind ehrliche Einheimischenpreise, weil man hier nicht darauf getrimmt ist, von den "wohlhabenden Fremden" mehr zu verlangen. 

Aber das ist natürlich ein unzulässiges Fazit nach wenigen Tagen.

Wieder eine Woche rum.

Ich fahre jetzt weiter. Nach Osten.

Gute Zeit!

  1. Nachtrag: starker Dauerregen. Fahre erst am morgigen Montagmorgen weiter. 



7 Kommentare:

  1. Shalom Geo!
    Wir können es jeweils kaum erwarten, bis ein neuer Eintrag von Dir gepostet wird. Für uns ist es nicht weniger spannend, wie Paraguay auf dich wirkt, wie für Leser aus Deutschland, die Paraguay gar nicht kennen. Hier hat es heute Nacht auch kräfig geregnet, ca.50mm. Die Gäste sind aber trotzdem wie geplant abgereist. Im Anschluß poste ich noch eine Suchanzeige...

    AN ALLE
    Wir haben ein persönliches Anliegen am Herzen. Meine Mutter, Jahrgang 1944, möchte uns gerne nochmal hier in Paraguay besuchen; sucht aber Aufgrund ihres Alters eine Person, die sie begleitet. Wenn es jemanden gibt, der sich mit dem Gedanken zu reisen trägt, oder von jemand anderem weiß, der melde sich doch bitte per e-mail: am054648@gmail.com oder +595 971 706629(WhatsApp) bei uns, zwecks Kontaktvermittlung. Grundsätzlich ist sie sehr flexibel mit der Reisezeit, würde aber Frühjahr oder Herbst bevorzugen. Sie plant für ca. 8 Wochen und würde sich freuen, wenigstens auf dem Weg nach Paraguay Begleitung zu haben.

    Ein herzliches Shalom an alle Geschwister
    Es grüssen Andreas mit Elvira&Alan

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  3. Hoffentlich klappt es jetzt mit dem Kommentar. Geo mein Freund,ich wünsche dir alles Glück und Segen auf deiner Reise. Dein Freund Hansi

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  4. Hoffentlich klappt es jetzt mit dem Kommentar. Geo mein Freund,ich wünsche dir alles Glück und Segen auf deiner Reise. Dein Freund Hansi

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  6. Hoffentlich klappt es jetzt mit dem Kommentar. Geo mein Freund,ich wünsche dir alles Glück und Segen auf deiner Reise. Dein Freund Hansi

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  7. Geo ich folge dir hier und wünsche dir alles Glück der Erde . Hansi

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