Die nächsten, die zu grüßen schienen, waren einige Geier, die umherflogen und auch auf der Straße saßen und selbstbewusst dort sitzen blieben, als ich kam. "Willkommen in unserer Welt", schienen sie zu sagen.
Fahrzeuge gab es zu Anfang wenige. Einige Pick-Ups Mit der Ladefläche voller Farmarbeiter. Normale Pkw sehe ich nicht in dieser Gegend.
Dann sah ich einen Road-Truck als Viehtransporter, der freundlich hupte. Nach etwa 30 km teilweise schwierigen Terrains erreichte ich eine Kreuzung, an der eine Mautstation mit Polizeipräsenz eingerichtet ist.
Hier war man einerseits bemüht, mir Reisetipps zu geben, anderseits insistierte der Herr zur rechten, ein Hauptmann, meinen Reisepass sehen zu wollen. Mir gings wie Ali Baba und den 40 Räubern "Wie hieß doch gleich wieder das Zauberwort?" Sesam öffne dich. Wo war mein Reisepass doch gleich wieder. Also alles mühsam abgeschnallt, ausgeräumt und nach langer Suche gefunden.
Meine Habe liegt verstreut umher, aber der Pass wollte sich lange Zeit nicht finden lassen. Am Ende war er da, wo er hingehörte.
Naja. Das hätte deutlich besser laufen können. Mea Culpa.
Die Beamten luden mich zum Tereré ein, aber danach war mir nicht zumute.
Sie gaben mir den Tipp, nicht die vorgesehene Route zu wählen, denn der Weg dort sei zu schlecht. Ich sollte stattdessen besser erst kerzengerade gut 100km nach Norden radeln. Und dann Richtung Osten abzubiegen. Ich entschied mich aber, auf der geplanten Strecke zu bleiben, da ich mir über Google Maps schon zuvor potenzielle Versorgungsstationen und "tajamares", also künstlich angelegte Wasserstellen zurechtgelegt hatte. Der Hauptmann stellte mit Blick auf mein Fahrrad eine berechtigte Frage, nämlich, warum ich für solch einen Ausflug kein Motorrad nehmen würde. Hmmm.
Nach dem hin und her mit dem Pass erst eine kurze Pause in der Hängematte. Bis hierhin war alles gut.
Noch was essen (Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise waren Erdnüsse), sowie, jetzt kommt's: Wasser aus einem weißen Schlauch den ich an einen der beiden 5-Liter Kanister angeschlossen hatte. Andreas hatte vorher noch ge-uzt, dass der wohl nicht lebensmittelecht wäre. Geschmacksrichtung tatsächlich Formaldehyd mit Polyethylen. Das etwa 40 Grad warme Trinkwasser trank ich danach auch während der Fahrt aus dem heißen Schlauch. Es schmeckte schon sehr nach Plastik, doch ich ignorierte das und trank eine ganze Weile, bis mir schlecht wurde und ich das getrunkene Wasser wieder von mir gab. Das ganze 3-mal. Dumm von mir; Warnsignale übergangen. Dachte zunächst, Ursache für das Unwohlsein wäre Überanstrengung oder die Sonne.
Mir wird gerade wieder schlecht, wenn ich an den Plastikgeschmack denke. Bäh!
Cindy hatte mich vor Abfahrt mit dem Worten ermahnt: "You have to stop when you see something beautiful". Daran hatte ich mich während der Fahrt erinnert und diese Schmetterlinge beobachtet. Noch viel mehr flatterten um Wasserlöcher herum.
Ansonsten ist die Wahrnehmung von solchen Schönheiten nicht unbedingt meins. Frauen sehen ja mit andern Augen. Mich faszinieren Weidezäune, Traktoren mir Kuhfelldach oder eine Thermoskanne für Tereré, die irgendein Scherzkeks in 8 Meter Höhe an einen Strommast hängte.
Die Leitung des Strommastes führt übrigens in eines der mehreren Indianerreservate, die unterwegs ausgeschildert waren. Tatsächlich sah ich ab einem bestimmten Zeitpunkt auf der Strecke, höchstens indigene Bewohner auf Mopeds. Die Menschen sehen meiner Beobachtung nach anders aus, als die Guaraní, mit denen ich bislang zu tun hatte.
Ansonsten begegneten mir im hinteren Teil meiner Strecke stundenlang keine Autos. Für sich genommen bereits eine interessante Erfahrung.
Unterschiedliche Ansiedlungen der Ayoreo-Indianer. Auf dem gelben Schild wird darauf hingewiesen, dass der Alkoholverkauf an die Indigenen verboten ist.
Was ich noch zu sagen hätte, dass mein ausgeliehenes Fahrrad mit den Straßenverhältnissen definitiv nicht kompatibel war.
Bei diesen mit Lehmschlamm überzogenen Straßenabschnitten hieß es Augen zu und durch. Marschieren. Beziehungsweise Augen auflassen, denn es ist rutschiger, als Eis. Eis hat den Vorteil, es ist spiegelglatt und damit eben, wie ein Spiegel. Durch die Schlaglöcher ist alles uneben und die Sturzgefahr zu Fuß oder mit dem Zweirad größer.
Hatte ich dann diese Schlammpassagen passiert, war sofort der geringe Abstand von weniger, als 1cm zwischen Reifen und Schutzblech mit Lehm zugesetzt. Daran hatte ich zuvor nicht gedacht.
Also war aufwändiges Kratzen und Schaben ohne geeignetes Gerät angesagt.
Zuweilen gab es auch den gleichen Fahrbahnbelag, wie auf einem Beach-Volleyballfeld. Nur die Netze fehlten.
Übrigens, ich möchte gerne wissen, welches physikalische Gesetz eigentlich dafür verantwortlich ist, dass ausgerechnet auf ewig langen Strecken in eine Richtung, Gegenwind herrscht, dass es einem die Mütze vom Kopf bläst. Dass Marmeladenbrote mit der geschmierten Seite auf den Teppich fallen, verstehe ich noch, das mit dem Wind nicht.
Auf dieser landdurchschneidenden, endlosen geraden Straße dachte ich auch über das Wort "Abenteuer" nach. Irgendwie würde mein Abend heute teuer sein.Teuer erkauft mit Entbehrungen und Erschwernissen aller Art. Und dem Heraustreten aus den Gewissheiten des Alltags. Aber der Wert übersteigt in der Nachbetrachtung die Kosten.
Strandsand - wie am Sandstrand.
Oder die Straße war nach den heftigen Regenfällen zuvor, so la-la.
In einem Falle wurde, wie in Paraguay üblich, eine schadhafte Fahrbahn durch Stock und Plastiktüte gesichert. Allerdings hätte ich einen ganzen Wald gebraucht, um heute die Schlaglöcher anzuzeigen.
Das fand ich witzig.
Was ich als unangenehm empfand ist, dass rechts und links der Straße zumeist mit abgelaufenem Regenwasser gefüllte Straßengräben waren und dahinter nichts, als Dornengestrüpp und stachelige Pflanzen aller Art. Da konnte ich keinen Platz mehr finden, wo ich mein Haupt hätte hinlegen können. Erstaunlich, wie viele Sorten Stacheln und Dornen die Botanik bereithält. Also war ich aufgerufen, auf der Straße zu bleiben. Die war in diesem Abschnitt wenig attraktiv. Über 100 km führt diese Straße schnurgerade durch den dornigen Urwald. Keine Abwechslung für das Reiseauge. Man bekommt eine bessere Ahnung für den Chaco, wenn man naturnah dort unterwegs ist und beginnt zu erahnen, warum ihn die Einheimischen als "Inferno verde", die grüne Hölle, bezeichnen. Jetzt gibt es da eine Straße, vor ein paar Jahrzehnten nichtmal diese. Mir kam ständig die Leistung der ersten Mennoniten in den Sinn, die in diesem für Menschen lebensfeindlichen Umfeld zu überleben gelernt hatten.
Hinter dem Dornengestrüpp befindet sich in den meisten Fällen nach ein paar Metern der Zaun einer Estancia.
Nach 10,5 Stunden unterwegs mit ein paar relativ kurzen Unterbrechungen, sah ich in der Ferne einen rot-weißen Antennenmast. Daher, so mutmaßte ich, musste es Strom geben und somit auch eine Ansiedlung. (Strommasten gab es schon länger keine mehr auf der Strecke). Das Problem bestand nun darin, dass der Handymast sich genauso schnell von mir entfernte, wie ich mich ihm näherte. Weitere 30 Minuten vergingen, bis ich ihn fast eingeholt hatte und auch zum ersten Mal Handyempfang auf der Strecke hatte.
Kurz bevor ich den Mast erreichte lag linker Hand eine Estancia. Das Tor war zu, aber unverschlossen, also trat ich ein. Durch das hier übliche Klatschen in die Hände, das die Türklingel ersetzt, hatte ich versucht, auf mich aufmerksam zu machen. Vergeblich. Das Häuschen, das ich sah, war augenscheinlich seit Jahren verlassen und ich hatte keine Lust, noch 10km innerhalb der Estancia nach dem Haupthaus zu suchen. 10 km? Richtig. Estancias können hier sehr großflächig sein!
40.000 Hektar zu je 250 Euro, stehen hier zum Verkauf. Also 400 Quadratkilometer Land.
Oder noch größer, 790 Quadratkilometer Fläche.
Anders ausgedrückt, beinahe 90 km x 90 km Grundstücksgröße, wäre es quadratisch. Immerhin fast siebenmal so groß, wie der Staat Liechtenstein. Beeindruckend. Das gute Rindfleisch von diesen Estancias (insgesamt 8 Millionen Hektar) ist begehrt und Paraguay der sechstgrößte Exporteur weltweit, vor dem Nachbarland Argentinien.
Würde nicht soviel Spaß machen, von Darmstadt bis hinter Gießen, die ganze Zeit am gleichen Grundstückszaun entlang zu radeln.
Jedenfalls blieb ich auf der Terrasse dieses verlassenen Häuschens auf der Estancia und hatte mein Nachtlager vorbereitet.
Guter, überdachter Platz. Mein Wasser aus dem Kanister blieb immer noch nicht in mir und so schöpfte ich Wasser aus einer abgedeckten Regenwasserzisterne, aus der mich auch eine Eidechse begrüßte. Das Wasser war kühler und für mich verträglicher. Andreas, Elli und Cindy saßen in dieser Zeit beim Abendessen (Bärbel war mit dem Bus nach Ostparaguay für eine Stelle auf einem Eselshof abgereist und kommt in 1 Woche nochmal wieder) und erkundigten sich bei mir nach meinem Ergehen. Da ich"platt" war, wie ich über WhatsApp schrieb, hatte ich vorgesehen, am nächsten Morgen wieder Richtung Iparoma zu radeln, wenn ich mich erholt hätte. Und Andreas mir bei Bedarf mit dem Auto entgegenkommt, falls die Übelkeit anhalten sollte. Die Überraschung war groß, als ich dann im Schlaf, in meiner Hängematte von Hupen und "Geo"-Rufen geweckt wurde. Andreas hatte sich kurzfristig entschieden, mich zur Überraschung abzuholen und mir sogar noch eine kalte Flasche Bier mitzubringen. Ich hatte nämlich in einer vorherigen Nachricht erwähnt, dass ich die mir nach einem anstrengenden Tag in der Sonne eigentlich gewünscht hätte.
Danke, Andreas. Das war richtig klasse von dir!
An dem Abend in der bequemen Hängematte war mir schon klar, dass ich keine Lust hatte, weitere 300+ Kilometer durch den Chaco zu radeln. Schon gar nicht 8 Tage lang. So viel Zeit würde es mich vermutlich kosten. Regenpausen wegen Unbefahrbarkeit der Strecke nicht eingerechnet. Es ist vielleicht in kürzerer Zeit machbar, aber Aufwand und Ergebnis stehen für mich nicht im richtigen Verhältnis. Ich habe eine Herausforderung angenommen, die mich ziemlich an meine Grenzen gebracht hat. Das ist mir wertvoll.
Also: alles abgebaut, eingepackt und in 2 Stunden mit dem Auto zurückgefahren zu Iparoma. 2 Stunden für die Strecke, für die ich mit einem Fahrrad einen ganzen Tag gebraucht hatte. Nun liege ich wieder in der Hälfte "meines" roten Bauwagens und alles ist gut. Bis zum nächsten Abenteuer in Paraguay! Das lauert schon.
Ist eigentlich der Weg das Ziel, oder das Ziel der Weg?
Ich bin nicht traurig, dass ich die Radtour nicht zuende bringe. Ich konnte einige wertvolle Erfahrungen sammeln, die ich nicht gemacht hätte, wenn ich den Fahrradausflug nicht angetreten hätte. Alles ist gut.




















Klasse beschrieben. Ich bin im Geiste mitgefahren. Ich finde es auch klasse, dass du abbrechen kannst. Die Strecke wäre sicherlich auch mit Top Ausrüstung eine große Herausforderung.
AntwortenLöschenDanke, lieber Daniel!
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