
Verkaufsleiter Daniel ist 21. Interessant, wie Paraguayos, oder generell Lateinamerikaner oft die Spanier beurteilen. Nämlich als hart. Nicht nur klingt die Sprache in Spanien härter (was mir persönlich besser gefällt), sondern auch die Mentalität der europäischen Brüder unterscheidet sich in dieser Hinsicht. Spanier sind auch sehr direkt, Paraguayer schicken einen eher in die falsche Richtung, wenn man nach dem Weg fragt und sie es nicht wissen, als jemanden mit der Härte zu konfrontieren, den machen Schritt nicht zu kennen (das ist kein Scherz!). Daniel wusste zwar, dass es ein prophetisches Buch in der Bibel mit seinem Namen gibt, aber er hat sich gefreut, als ich ihm sagte, was Dani-El bedeutet.

Lernzielkontrolle! (Neusprech-Euphemismus für Zettelarbeit). "Keiner redet mehr. Bücher unter den Tisch". ... "Was fällt hier an dem Foto oven auf? Drei Besonderheiten, über die die letzten 5 Tage ausführlich unterrichtet wurde?"...."Pscht, ich sagte ihr sollt still sein!!!" .... "Zeit ist um!" ... "Zettel abgeben". ..."los jetzt" ... "Stifte weglegen!" Erstens: Hier bleiben alle Straßennamen, auch jener der USA unbehelligt-unbeschmiert an dem Ort, wo sie ca. 1987 mit M10 in Edelstahl, Güte A2, aufgehängt wurden. Zweitens: es treffen sich 2 Einbahnstraßen. Drittens: die Kabel"führung". Wenn hier der zuständige Herr der städtischen Stromversorgung in den Ruhestand geht und hat keine ordentliche Gewirr-Übergabe gemacht, bleibt's hier vielleicht lange duster. Zappen, sogar.

Das El Molino, Restaurant meines ersten Tages mit Wachmann, Zeitung und 6,15 Euro Stammessen. Erst 5 Tage her? Kommt mir viel länger vor.

Endlich nimmt sich Barbier Máximo meiner unpraktischen Semi-Hippie-Frisur an. Noch kam ja keine Ermahnung aus der Heimat, aber ich weiß, meine geschätzte Mama liest mit und irgendwann wird der mütterliche Fürsorgegedanken zu stark sein, um sich zurückhalten zu können. Also komme ich dem zuvor.

Máximo der Barbier (das klingt irgendwie nach Gladiator im Circus Maximus), schnitt mit der zweischneidigen Schwert-Schere den Feind adretten Aussehens kühn kurz und klein. Wie sie fallen, wie sie purzeln. In Sachen Bart erlitt der wackere Kämpfer gegen unkontrollierte Auswüchse jedoch eine herbe Niederlage und entpuppte sich nicht als Barbier, sondern als Barbar. Ich musste mir hernach die Maschine von ihm ausleihen, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Ich hoffe, mein Bart wächst wieder! Kosten 4,5 Euro für 1x "Schneiden, Fönen, Bart verkrotzen". Meine Eigenleistung konnte ich nicht gegenrechnen lassen. Wie Mike immer zurecht philosophiert: "Das Leben ist eine Mischkalkulation!"

ICH HAB'S GEWUSST! Eben kommt aus dem Elternhaus per WhatsApp folgende Zustimmung:
[12:11, 12/12/2017] +49 1522 ...: Ja natürlich ♥ freue ich mich, wenn du schön und gepflegt aussiehst, wenn du mit so viel Leuten in Kontakt bist. Alles liebe deine Mama 💋
So, ich bin auf einen beliebigen Bus aufgesprungen. Keinen Dunst, wo der überhaupt hinfahren könnte. Sehr spannend. Der bislang herausfordernste Job, den ich mir vorstellen kann, ist Busfahrer in Asunción. Er trinkt Tereré, wechselt Fahrgeld, schaltet, biegt ab, bremst, weicht aus, öffnet und schließt Türen. Vieles davon zeitgleich in beachtlichem Verkehrsaufkommen und auf relativ engen Straßen. Auf dem Foto (heller geht's nicht), erahnt man rechts einen jungen Mann, der nichts anderes macht, als dem Fahrer nach eigener Lageeinschätzung Tereré einzuschenken und zu reichen. Etwa jede Minute.

Busfahrer Alfredo an der Endhaltestelle. Busse 31 und 37c fahren zum 1 Stunde entfernten Terminal. Dort kann ich Fahrkarten in den Chaco kaufen, erklärte er mir.
Ach ich vergaß, Handytelefonate während der Fahrt und ohne Freisprecheinrichtung gehören auch zur Aufgabenbeschreibung, der während der Fahrt zu erledigenden Dinge. Zudem ist die beschwingte südamerikanische Musik eher laut, aber zuweilen noch lauter singt Alfredo mit. Wie der das alles macht? Alfredo ist definitiv ein Held des Alltags🏆

Bin einfach irgendwo ausgestiegen, wo ich noch nie war. Justiz-Platz mit vorgelagerten Marktständen. Geschäftige Ecke. Schutzmann regelt trillerpfeifend den Verkehr.

Kommen materialtechnisch den Sukkot (Hütten des "Laubhüttenfestes" damals in Israel) vielleicht ziemlich nahe.

Im Justiz-Park ein Bereich für sportliche Betätigung. Stepper, einfache Spinning-Bikes, Beinpressen und Maschinen für Schulter- und Brustdrücken. Alles sehr stabil und einfach gehalten, aber man könnte etwas damit anfangen. Kein Vergleich zum Studio oder Günters Heizungskeller, aber kostet halt auch nix. Und tolle, schattige Lage.
Das alles unter riesigen Mangobäumen. Habe den einen Stamm in Brusthöhe gemessen = gut 6 Meter Umfang (meine Spannweite von Fingerspitze zu Fingerspitze beträgt 2 Meter).
Denke gerade über meinen neuen Alltagshelden Alfredo Busfahréro nach. In seinem Gefährt ist es mit meinen Flip Flops und kurzen Sachen eigentlich sehr viel zu kalt. Steigt man aus, ist es eigentlich genauso sehr viel zu heiß. Aber man muss sich entscheiden. Schwitzen oder frieren. Manchmal ist das Leben eben doch schwarz oder weiß. Bzw. auch hell oder dunkel. Wie im Schlafzimmer. Licht an oder aus. Dazwischen gibt es nichts. Es erfordert knallharte Entscheidungen, die Konsequenzen nach sich ziehen können. Erkältung oder Sonnenstich. Letzten vermutete Alfredo wohl bei mir, denn der Chaco, so ließ er kopfschüttelnd verlauten, sei nichts für ihn, da viel zu heiß.

Gustino und sein Kumpel Domingo, sein ehemaliger Arbeitskollege vom Zentralbahnhof. Er verkauft reinen Bienenhonig zu 4 Euro aus seinem Heimatort, 90 km von Asunción entfernt, im Landesinneren. Nachdem ich erklärt hatte, dass ich nicht die 0,7l Flasche Honig im Rucksack durchs Land transportieren möchte und das Verkaufsgespräch damit abrupt beendet war, ging es nahtlos und nicht mehr vor laufender Kamera (WhatsAppVideo) zum informellen Teil der Begegnung über.
Gescheiterte Verkaufsverhandlungen. Mehr Anlass brauchte es nicht, um eiskalten Tereré aufzusetzen, mich einzuladen und sich gemeinsam über den Tag und die Gemeinschaft zu freuen. Zum Glück wusste ich schon von Victor um die Gebräuche und Etikette, zb. dass es so lange in der Runde weitergeht, bis ich NACHDEM ich ausgetrunken habe dem Einschenker durch ein "Nein, danke" signalisiere, dass die Runde ab jetzt ohne mich weiter trinkt. In Paraguay wird Yerba Mate nicht heiß, sondern kalt getrunken und heißt dann hier eben Tereré . Gustino ist, wie offensichtlich alle anderen hier auch, ein Original. Landesweit bekannter Poet (sagt er) und mit einer ganzen Reihe von Empfehlungen für mein Leben ausgestattet. Die erste betraf die Tereré-Sorte der Marke Campesino (sehr lecker, nachstehend im Bild) ...

Er empfahl mir weiterhin, "eine gute paraguayische Frau zu nehmen, die auch kochen kann." Die gäbe es noch. "Nicht so eine, die den ganzen Tag aufs Handy starrt und Fernseher schaut." Zitat Ende. (Äh, nö danke, lass mal). Zu guter letzt pries er seine Heimatregion an und sprach von günstigen Immobilien dort. Er lobte Land und Leute in Paraguay allgemein und scherzte mit seinem Kumpel Domingo und mir. Heute habe ich meinen ersten Witz in spanischer Sprache verstanden, der auf Kosten des gutmütigen Domingo ging. Fröhlich, entspannt und für mich lehrreich ging auch diese Begegnung nach längerer Zeit zu Ende und ich einen Haps gegenüber des Parks essen...

Jeder hat schon einen Teller mit Essen gesehen. Ist mir klar. Ich möchte dennoch dokumentieren, dass man in einem x-beliebigen, bistroartigen Lokal in Asunción, beispielsweise wie hier, lecker Beef Stroganoff mit Reis, Brötchen und gemischtem Salat für schlanke 4 Euro bekommt. Wie immer, und das möchte ich nochmal betonen, mit freundlichem Personal und sauberem Ambiente. Als ich das Lokal verließ, kam mir ein besserer Herr mit Krawatte und Handy am Ohr entgegen. Er hat mir die Tür aufgehalten und ich wundere mich regelmäßig über die positive Aufmerksamkeit gegenüber Mitmenschen. Das gilt meiner Beobachtung nach weniger beim Überqueren der Straßen. Nun, wenn man das weiß, richtet man sich danach, pocht nicht auf ein Recht, das es hier gar nicht gibt und überquert die Fahrbahn mit bedacht. Raserei im Straßenverkehr habe ich noch nicht erlebt, deshalb bleibt das Thema Fahrbahnüberquerung beherrschbar. Die üblichen Einbahnstraßen kommen dem Fußgänger außerdem zugute, weil er nur eine Richtung im Blick haben muss.

Bei wem das mit der Fahrbahnüberquerung dennoch fast schiefgegangen wäre und er künftig besser gewappnet sein möchte, der lässt besser einen Sehkraft-TÜV durchführen und vereinbart rasch einen Termin beim niedergelassenen "Oculista", also dem Augenarzt (dieses ehrbare Gewerbe hat also nichts mit einer okkulten Osterhäschen-Vereinigung zu tun, wie die Türbemalung suggeriert)...

... Wenn nicht, sei nur der Form halber angefügt, dass hier die Möglichkeit besteht, auf sehr hohem Niveau bestattet zu werden! (Aus Gründen der Pietät hier nur ein Foto aus der Distanz.)

Aber soweit ist es ja nicht gekommen, deshalb noch zum Abschuss ein Straßenbild mit einem "Chipa"-Verkäufer, der das Lehmofengebäck, wie traditionell üblich, auf dem Kopf trägt. Über Reisegewerbescheine, Auflagen von Gesundheits-, Veterenär- und sonstigen Ämtern oder Arbeitszeitvorschriften etc. braucht er sich keine Gedanken zu machen. Wenn's schmeckt wird es gekauft und gegessen und er verdient was, wenn nicht, nicht. Einfach.

Heute hatte mich Milki zur Messe in seine katholische Kirche ins Slum "Chacerita" eingeladen. Ich saß also mit Flip Flops, kurzen Hosen und T-Shirt vorne mit Milki, dem Lobpreisleiter, der begnadet singt und spielt. Der hat ein echtes Herz für Jesus. Dieser ganze religiöse Zirkus mit den Heiligen und dem Tamtam da drin war zwar schlimm, aber Milki. Hut ab.

Die armen Kinder. Ehrlich, was für eine Tortur. Es gab nicht mal, wie bei Karli damals Balken an der Decke zum zählen. Stillsitzen. Hände falten. Aufstehen. Hinknien. Hinsetzen. Gähn.
Mir kamen die Tränen, so schlimm war das. Dazwischen viele mit Behinderungen, die versuchen, mit mitgebrachten Baby-Jesus-Figuren, die vor "Maria von Caacupé" gelegt wurde, etwas zu erreichen. Und noch mehr. Eucharistie habe ich dankend abgelehnt.
Irgendwie war ich die Attraktion da drin und hab mit den Kids die hier üblichen Faust-an-Faust-Begrüßungen durchgeführt, dann sind sie aufgetaut und haben gelächelt.
Ich hatte Milkis Gesang und Spiel aufgenommen, aber das muss ich noch schneiden, weil die ganze Messe aufgezeichnet ist. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir uns im Slum an die Straße hinsetzen und Gitarre spielen. Er hat ja immerhin ein Heimspiel hier (und das Instrument). Er wohnt mit Frau und 6 Kindern in einem Ein-Zimmer-Haus. Mein neuer Lieblingskatholik hat schließlich eingelenkt und wir haben auf der Straße des angeblich gefährlichsten Barrio in Asunción Jesuslieder gespielt. Ich hab auch einige gespielt und auch eines aufgenommen (Revelation Song von Kari Jobe in Spanisch). Direkt gegenüber ist eine Spelunke. Bilder gibt's nicht, es war dunkel draußen. War eine tolle Zeit.
So, hier bei Viktor zuhause läuft die Party von Laura. Bin zum Essen gerufen, jetzt um 22.30 Uhr. Andere Musik (aber auch nett - vom Stil her ähnlich wie Buena Vista Social Club aus Kuba). Und andere Leute. Studenten und Ex-Studenten.
Da geh ich jetzt hin. Mal sehen, was es gibt.
Das Leben ist spannend. Wenn man es annimmt.

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