Mittwoch, 13. Dezember 2017

8. Tag. 13.12.17. Einwanderungspapiere und Vorbereitung auf die morgige Abreise in den Chaco.

So, heute ist ein Tag für Behördengänge wegen der Daueraufenthaltserlaubnis (die für Paraguay nicht erlischt, ob man im Land weilt, oder nicht). Zuerst ging es zu Interpol. Bei Ankunft am Flughafen hatte ich ja bereits Fingerabdrücke abgegeben. Zwischenzeitlich wurde zutreffend erkannt, dass ich nicht vorbestraft bin und es gab ein tolles Zertifikat, sehr viel schöner, als unser polizeiliches Führungszeugnis.

Dann ging es zum Dokumente beglaubigen.
















Die Dame hat sogar noch hübschere Schriftstücke ausgestellt, als Interpol Paraguay!














Und schwupps ... ab zum Notar. Jawoll, die Verfassung des Landes Paraguay ist klasse, und nein, ich fahre nicht mit Lkw's in Weihnachtsmärkte. Danke.














Nächster erforderlicher Schritt war, in der Nationalbank ein Konto zu eröffnen. Fotografieren höchst unerwünscht. Sehr schönes alles Bankgebäude im Kolonialstil.
Einlasskontrolle, wie am Flughafen. Sieben bewaffnete (logo) Polizisten offen überall im Innenraum positioniert plus ein paar draußen; alles Männer, die was hergemacht haben. Bestimmt eine Spezialeinheit. Also keine Polizeimädchen, wie die herzallerliebste Lorena Dominguez.

Letzter Schritt: Einwanderungsbehörde. Hier werden die gesammelten Werke gesichtet, bewertet und anschließend auf die 3 bis 5 Monate lange Bank geschoben, bis der paraguayische Personalausweis ausgegeben wird.



Bei "Migraciones" heißt "Warten" die Tugend der Stunde(n). Wie war das früher, ohne Smartphone? Da konnte die Zeit wohl gar nicht vergehen. Tik. Tak. Tik. Tak.



Es wandert Jung und Alt ein. Etwa diese junge Dame mit ihrem ca. 50 Jahre alten Sohn.



Viele Familien aus aller Herren Länder, ausgenommen der arabischen Welt. Auch diese Leute aus Korea.



Das hier ist mein neuer Bekannter (wir haben schon WhatsApp-Austausch) Flavio mit seiner Familie. Er ist Ingenieur aus Brasilien und sagt, viele Brasilianer kommen nach Paraguay wegen der geringen Kriminalität, der Freundlichkeit der Leute und dem besseren Schulsystem für die Kinder. Natürlich mag man Deutschland und der Junior ist Fan von Bayern München.



Noch 'ne Familie mit 2 Kids



"Die Welt is e Erbs", wie der Südhesse sagt und so treffe ich auch den Venezuelaner José bei Migraciones.



Dann wurde noch ein Passfoto für den späteren Ausweis gemacht, ein paar Unterschriften geleistet und weiter ging es zur Kripo in anderen Teil der Stadt.


Erneut wurden Fingerabdrücke genommen. Auch für den späteren Ausweis.



Auf diesem Parkplatz, der genau gar nix mit dem Verfahren zu tun hat, kann ein Künstlerfotograf eine tolle Mappe anfertigen. Eine ehemalige Werkstatt mit Tankstelle, wie damals Fa. Rühl, Im Niederfeld in Darmstadt, als ich in den 60ern Kind war.

Das ist live eine Zeitreise. Der alte Mann, der seine ehemalige Werkstatt als Parkplatz anbietet, inmitten uralter Zeitungen, Öldosen und Werkzeugen. Das hat Charme und ist zugleich traurig.




Dann komme ich heim, und was sehe ich? Die Kinderchen haben Spaß. Laura ist jetzt offiziell mit den Studium fertig. Gestern auf ihrer "Party" war es nett. Außer mir und José nur 3 weitere Gäste. Michael, ein Ami aus Idaho, war ein paar Jahre mit einer medizinischen Entwicklungshilfeorganisation im Land und blieb dann, weil es ihm so gut gefiel. Federico von "Amnesty International Paraguay", hat mich zu einem entlegenen Indianerstamm irgendwo JWD eingeladen. Er sagt, die sprechen kein Spanisch und nur ganz wenige Menschen können deren Sprache übersetzen und mit ihnen kommunizieren. Frederico und seine Leute setzen sich für die Belange dieser Menschen ein. Michael und Frederico sind beide so um die 35.



Vorbereitung auf die Abreise in den Chaco




Morgen geht es nach einer Woche in Asunción weiter auf die Farm, auf der auch Andreas mit seiner Frau seit 2005 arbeitet. Diese Farm (Estancia Iparoma) liegt in der Nähe von Filadelfia im Bundesland Boquerón (oben links auf der Karte lila eingefärbt).

Fahrzeit mit dem Bus für die knapp 500 km auf der Transchaco-"Autobahn" Ruta 9 beträgt gut sieben Stunden. Busfahrkarte habe ich für 16 Euro gekauft. Die gab es lediglich im 1 Stunde entfernten Busbahnhof (Terminal).



Im Inneren des Terminal warten über 70 Anbieter für Busreisen ins In- und Ausland auf Kundschaft. Aus den Verkaufskabinen rufen sie potenziellen Kunden ihre Reiseziele zu. Spannend.




Einer dieser Herren ist Hugo. Ich konnte wählen, ob ich im klimatisierten Bus vorne, hinten oder in der Mitte sitzen möchte. Vorne bitte. Es wurde erste Reihe. Platz Nummer 4. Gute Reise!




Der Busbahnhof erscheint mir größer, als der hiesige Flughafen mit vielen Läden und Möglichkeiten, etwas zu essen.



Essen hatte auch ich erwogen und fragte gewitzt nach, ob das Schinkenbrötchen für 1 Euro  aus Rind oder Schwein hergestellt wurde.
"Wie lautet die Quadrat-Wurzel aus 86470 ?", wäre die einfachere Frage gewesen. Aber wie überall kann man hier mit den Leuten über Kleinigkeiten viel Spaß haben. Kaffee kostet 50 Cent. Geschäftsabläufe wurden nicht gestört, denn es gab gerade keine Kundschaft. Nicht mal ich war Kunde. Die Antwort auf die Mathe-Frage lautet 294,057. Die Frage der Herkunft des Schinkens durfte offen bleiben.



Hier verkaufen Frauen vom Stamm der Maká Handwerkskunst. Es gibt von diesem indigenen Volk weniger als 2000 Personen, 1200 Leben davon laut  Wikipedia in Asunción.



Was sehen wir hier im Außenbereich am Toilettengebäude? Richtig! Nichts. Und das ist der Punkt. Keine Graffiti, keine Zerstörungswut. Zugegeben, die Sanitäreinrichtungen sind bahnhofstypisch in schlechtem Zustand, aber das wenigstens nur aufgrund des Alters. Hier sitzen auch  keine Gruppen von Leuten mit Ratten auf der Schulter am Bahnhof und lassen die Flaschen kreisen, wie ich es in einigen deutschen Bahnhöfen beobachtet habe. "Was guggst du?!" hat ebenfalls niemand gefragt.
Es mag sein, dass es hier Trickdiebstähle gibt. Keine Ahnung, aber man wird weder belästigt, noch fühlte ich mich unwohl. Beruhigend.



46  "Bus-Steige" sind vorhanden (gibt es dieses Wort überhaupt?). Alle zum Ansteuern von Fernzielen in Südamerika. Ob Santiago, Rio, La Paz, Buenos Aires oder eben Filafelfia. Hier werden Sie geholfen.

Hier noch einige Impressionen von meinem Rückweg zu Fuß vom Terminal:


Ein Touri-mäßig gekünsteltes Foto mag man denken. Doch weit gefehlt! Ariel der Inhaber einer Werkstatt für die Instandsetzung von Bremsen und Kupplungen war es, der werbewirksam und ausdrucksstark die Kupplungsscheibe ins Bild gesetzt haben wollte. Ins Gespräch kamen wir, weil ich gesagt hatte, dass diese Art Betriebe in Deutschland aussterben. Es wird neu gekauft. Neu war beschämender Weise für mich auch, dass die Frau mit dem Bier-T-Shirt am Marktstand doch recht hatte. Ariel erklärte mir, dass Paraguay über 40 Biersorten in Lizenz braut und führend beim Konsum ist.
Das war mein bislang schönstes und längstes Gespräch mit einem Einheimischen. Wir hatten echtes Interesse am Leben des anderen. Ein Super-Typ. Ariel rocks!



Der Gehsteig wurde durch einen Verkaufsstand überbaut. Wer nicht durch das fest mit Hauswand und Gehsteig verankerte Teil gehen will, muss, wie die Dame im Bild, auf die Hauptstraße ausweichen.

Plötzlich hatte ich eine alptraumartige Vision und sah verschwommen eine Menschentraube um den Verkaufs-Käfig versammelt. Wichtige Menschen des Regierungspräsidiums Darmstadt, des Ordnungsamtes, Vertreter der Polizei, der Straßenverkehrsbehörde und der Gewerbeaufsicht berieten kopfschüttelnd und gestikulierend über mögliche Folgen solch unverantwortlichen Tuns. Da war die Rede von Bußgeldern, Anzeigen und Ersatzvornahme im Falle mangelnder Kooperation. Noch bevor eine Rechtsgrundlage gefunden war, wurde kopfnickend allseits  Zustimmung signalisiert, als die Mutter aller Suggestivfragen gestellt wurde: "wo kämen wir denn da hin...!?". Nach Asunción vielleicht. Und unversehens war mein Tagtraum zu Ende. Puh.


Der durchschnittlich gering verdienende Paraguayer (in diesem Fall ein Fußballfan) hat erkannt, "La gloria no tiene precio" (die Herrlichkeit hat keinen Preis).

Im Gegensatz zu einem Poloshirt aus 100% Baumwolle, hergestellt in Paraguay. Das kostet nämlich 8 Euro. Ware aus Fernost mit einem Kunstoffanteil von 100 % ist hier im Laden noch günstiger erhältlich.



Gesehen in einem Art kik-Laden



Autos kosten auch etwas. Und zwar üblicherweise mehr, als in Deutschland. David, einer der zahlreichen Autohändler, bietet diesen Nissan Jeep an. 86.000 km. Bj 98. 1. Hd. 4.500 Euro. Aufpassen muss man beim Autokauf übrigens, weil viele importierte Modelle in Chile von rechts auf Linksteuerung umgerüstet wurden. Nicht immer perfekt und so mag man sich damit einen technischen Problemfall ins Haus holen.


Für heute waren die ganzen Behördengänge in der Stadt angesetzt, über die ich in der WhatsApp-Gruppe berichtete. Daher erfolgt die Weiterreise planmäßig. Morgen wird auch mein Zimmer bereits wieder neu vermietet.

Victor, José und Laura bleiben zurück. Ende Dezember wird auch Laura hier die Zelte abbrechen und plant, mit dem Rucksack nach Peru weiterzuziehen.

Asunción und die Bekanntschaften, die ich hier geschlossen habe, verlasse ich mit etwas Wehmut. Gerne wäre ich hier noch verweilt; auch um die Stadt noch besser kennen zu lernen - doch ich glaube bestimmt, ich werde wiederkommen...

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